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  • Lilly

Social Media, das reale Leben und Corona

Manchmal wünsche ich mir, auf einer einsamen Insel zu leben. Oder ein Tier zu sein, das sich einfach den ganzen Tag aufs Fressen, Schlafen und Vögeln konzentrieren kann. Zwischenmenschliche Beziehungen können so anstrengend sein. Vielleicht kennst du das ja auch. Das kann zum Beispiel die schräge Trulla im Büro sein, die mit ihrer aufgesetzten guten Laune Brechreiz bei dir verursacht. Oder der eine Kunde, dem es offenbar eine Herzensangelegenheit ist, dir den Tag zu versauen, indem er wirklich alle Register zieht und einfach ein ausgewachsener Arsch ist. Oder der nörgelnde Chef. Oder die laute Nachbarin. Oder dein unsympathischer Dozent. Das können richtige Energiefresser sein und in den meisten Fällen würde ich herzlich gerne auf jeglichen Kontakt verzichten, weil manchmal die Chemie einfach nicht stimmt und nie stimmen wird. Aber man kann leider nicht einfach gewissen Leuten sagen, sie sollen ihre Existenz doch bitte anderswo weiterführen und einen nicht mehr behelligen. Vorallem, wenn man mit diesen Leuten arbeitet oder studiert oder Tür an Tür wohnt. Die sind einfach da und gehen nicht weg und man muss sich gezwungenermassen einfach damit abfinden, dass man mit ihnen zu tun hat, ob man will oder nicht. Das ist das reale Leben. Pech. Eigentlich im krassen Kontrast dazu steht das nicht-reale Leben social Media. Ich meine, dort gibt es täglich unzählige Posts, Bilder, Statusupdates, Texte etc, die unter anderem von genau denselben nervigen Leuten hochgeladen werden, die dir im realen Leben auf den Zeiger gehen. Und auf Twitter, Snapchat, Facebook, Instagram und weiss ich noch was alles können deren Posts richtig positiv und ansprechend sein. Wenn man nur auf ihre social Media Beiträge achten würde, könnte man die Personen ja sogar mögen. Da drängt sich mir manchmal schon die Frage auf, wie eine Person auf social Media ein völlig anderes Gesicht als im wahren Leben zeigen kann. Dass auf den sozialen Medien gerne eine Scheinwelt aufrecht erhalten wird, sollte ja bekannt sein. Den Aufwand den gewisse Leute betreiben, um das perfekte Bild hochzuladen ist ja wohl wirklich jenseits von Gut und Böse. Habe im letzten Urlaub auf Mauritius ein junges deutsches Pärchen kennengelernt. Und ich musste jedes Mal lachen wenn sie versuchten, ein Insta-Bild zu schiessen. Da musste sich der Freund in akrobatischer Höchstleistung verrenken, um den genau perfekten Winkel zu treffen, damit seine Herzensdame auch wirklich gut mit der Palme und dem weissen Sandstrand zu sehen ist. Und da durfte ja niemand anderes noch irgendwo im Hintergrund auf dem Bild zu sehen sein. Soll ja so aussehen, als wären die beiden komplett alleine an dem Strand. Oder da wurde ich gefragt, ob ich doch bitte ein Video von ihnen im Infinity Pool machen könnte. Erst mit der Kamera unter Wasser anfangen, dann knapp über dem Wasserspiegel filmen und dann der Abschluss hoch übers Meer und die Palmen. Und die beiden Turteltäubchen waren auf dem Video mit dem Rücken zur Kamera, das Gesicht zum offenen Meer gewandt, zu sehen. Eigentlich ja eine schöne Idee, hätten wir das ganze Theater nicht 5 mal wiederholen müssen, weil immer irgend ein anderer Tourist während dem Filmen durchgewatschelt ist und sie das nicht so haben wollten. Also wenn man sich den ganzen Aufwand mal vor Augen führt, der heutzutage in die Selbstdarstellung gesteckt wird, frage ich mich ernsthaft, wieso die Leute denn nicht denselben Aufwand auch im realen Leben betreiben können? Wieso will man nur auf social Media gut bei anderen ankommen, indem man mit schönen Bildern und positiven Aussagen auffällt? Ich meine, keiner will dein Geflenne lesen, wenn du vom Freund sitzengelassen wurdest oder weil du zu wenig geschlafen und dadurch schlechte Laune hast. Das zieht einen schliesslich runter. Und da man auf social Media wählen kann, mit wem man zu tun haben will und mit wem nicht, haben schöne und positive Posts die meisten Follower und Likes. Wieso auch nicht? Ist ja ganz natürlich.

Im realen Leben können wir diese Auswahl halt leider nicht immer treffen. Und dann hast du entweder die Wahl, die miesepetrigen Energiefresser einfach zu akzeptieren oder du setzt dich zur Wehr und hast dann irgendwann selber den Ruf, eine unumgängliche Schreckschraube zu sein. Zumindest für diese Leute. Ok, ich schliesse hier vielleicht etwas zu sehr von mir auf andere. Ich bin von Haus aus eher als Kontakte-Muffel zu bezeichnen und hatte noch nie das Bedürfnis, hunderte persönliche Kontakten zu pflegen. Ich habe meine guten Freunde, die ich an zwei Händen abzählen kann sowie einige Kollegen und sonstige netten Leute, mit denen ich mich gut verstehe. Mit den Kollegen und sonstigen netten Menschen lief es aber bisher in meinen Leben meistens nach dem Prinzip "Aus den Augen, aus dem Sinn", wenn mal ein Job- oder Ortswechsel anstand. Um den Kontakt mit diesen Leuten längerfristig aufrecht zu erhalten war ich bisher einfach schlichtweg zu faul. Und bei der Sorte "Energiefresser" habe ich festgestellt, dass ich mit zunehmendem Alter schneller Leute in diese Kategorie stecke. Weil ich wohl weniger Geduld aufbringe, weniger tolerant bin und mir allgemein weniger gefallen lasse.


Das war ja bisher auch ok für mich. Und dann kam Corona und die Quarantäne. Ich war anfangs der Meinung, dass das Kontaktverbot und damit verbunden das Home Office die beste Idee seit langem ist, da ich so endlich mal eine Auszeit von gewissen Energiefressern haben würde. Nach 2 Wochen musste ich meine Meinung aber gründlich revidieren. Ich kann es selber kaum glauben aber ich vermisse tatsächlich andere Menschen. Und sogar die üblichen Energiefresser finde ich jetzt gar nicht mehr soooo schlimm. Ich vermisse die gemeinsamen Kaffeepausen, den üblichen Klatsch und Tratsch, die Diskussionen und das gegenseitige Ignorieren mit meinen Büro-Feinden. Dass ich meine engsten Freunde und die gemeinsamen Weiberabende vermissen würde, das war mir klar. Aber den Rest?! Das gibt mir schon ein bisschen zu denken. Vielleicht liegt es einfach nur an dem Phänomen, dass man immer das haben will, was man nicht haben kann? Oder vielleicht liegt es daran, dass ich mal wieder etwas toleranter gegenüber anderen Menschen sein sollte? So oder so, hatte genügend Zeit um nachzudenken und ich glaube, dass ich eventuell vielleicht möglicherweise wieder mal mehr Mühe in meine zwischenmenschlichen Kontakte stecken sollte. So ähnlich wie andere Leute sehr viel Mühe in ihr Instagram Profil stecken. Und das beinhaltet natürlich, dass ich mal meine komplette Grundhaltung anderen Leuten gegenüber infrage stellen sollte. Andere Leute kann man nicht verändern, aber man kann an den Schrauben im eigenen Kopf drehen und dadurch eine Veränderung herbeiführen. Wer und was in die Kategorie Energiefresser fällt, entscheide ja schliesslich nur ich selber.

Habe mir daher den unterjährigen guten Vorsatz gesetzt, an meiner Einstellung zu arbeiten und das ständig präsente Corona in was Positives zu verwandeln. Und da es sich hier nicht um einen typischen Neujahrs-Vorsatz handelt, mit dem Rauchen aufzuhören, 10 kg abzunehmen oder endlich mal ein Fitness-Abo zu organisieren, könnte das sogar funktionieren. Habe mir daher einen Plan zusammengestellt, wie man sein Real-Life-Profil mal wieder auf Vordermann bringen kann.


Der Teflon-Modus

Meine Freundin Steffi ist eine Person, die bringt fast nichts aus der Ruhe. Selbst der brummeligste Mitarbeiter macht ihr nichts aus und wird zu Wachs ihn ihren Händen, weil sie instinktiv weiss, wie sie mit den Leuten in ihrem Umfeld umgehen muss. Und das, obwohl ihre Menschenkenntnis wirklich hundsmiserabel ist und sie von sich selber behauptet, gut und gerne auf andere Menschen verzichten zu können. Finde ich persönlich immer wieder sehr amüsant, arbeitet Steffi doch in der Personalabteilung. Aber woran liegt es, dass die Leute so auf sie reagieren? Wie macht sie das, dass sie sich durch absolut gar nichts aus der Ruhe bringen lässt? Ich zum Beispiel habe die Fähigkeit, auf schlecht gelaunte Menschen noch schlecht gelaunter reagieren zu können, wenn ich will. Was die können, kann ich schon lange. Dass das nicht unbedingt förderlich ist, liegt auf der Hand. Aber auch Steffi hat mal schlechte Laune und trotzdem bringt sie nichts aus der Ruhe. Habe sie daher gefragt, wie sie das macht und die Quintessenz ihrer Antwort dürfte wohl folgendes sein: Nichts persönlich nehmen. Es interessiert sie nicht, ob sich ihr Gegenüber im Ton vergreift, sie ignoriert oder auf andere Weise versucht, ihr das Leben schwer zu machen. Sie wird dann, und ich zitiere, "zu Teflon". Wie eine Bratpfanne. Sie bleibt sachlich und reagiert meist mit einem Schulterzucken à la "Du kannst mich ignorieren, ist mir egal. Wenn ich nicht weiterarbeiten kann weil du mir nicht helfen willst, ist das nicht mein Problem. Du kriegst später den Ärger". Oder "Du hast schlechte Laune? Tja, das ist blöd aber du musst mir jetzt trotzdem bei dem Problem helfen, weil das dein Job ist". Und sie sagt das den Leuten auch genau so ins Gesicht. Wenn Steffi eins ist, dann ist sie absolut direkt und ehrlich. Aber auf sachliche Weise und ohne viel Emotionen dahinter. Und das wirkt offenbar wahre Wunder bei vielen Leuten und sie überdenken ihre Haltung Steffi gegenüber noch einmal. Und falls es mal keine Wunder bei jemand anderem bewirkt, dann wenigstens bei Steffi selbst. Weil sie Teflon ist und sich durch einen arschigen Energiefresser nicht den Tag versauen lässt. Sie bleibt gelassen. Auf meine Frage hin, wie sie den so zen-mässig unterwegs sein und ständig gelassen bleiben kann antwortete sie: "Ehrlich gesagt ist es mir zu anstregend, mich aufzuregen und zu streiten. Im Grunde genommen bin ich nicht gelassen sondern einfach zu faul zum streiten". Hmm, zu faul zum streiten? Oh je, ich habe einen weiten Weg vor mir, diskutiere ich doch einfach zu gerne mit anderen. Allerdings habe ich während der Home Office Zeit etwas Wichtiges dazugelernt. Man muss nicht immer sofort auf alles antworten. Wenn ich eine Mail kriege, deren Inhalt mich im ersten Moment an die Decke gehen lässt, lege ich die zur Seite und widme mich anderen Dingen. Meine unmittelbare Antwort auf die Mail wäre wohl nicht allzu positiv oder konstruktiv. Daher lasse ich mir neuerdings gerne mal ein paar Minuten oder sogar Stunden Zeit, um zu antworten. In dieser Zeit kann ich mir eine sachliche Antwort ausdenken und sehe das Ganze gelassener. Im schriftlichen Kontakt funktioniert das bisher ziemlich gut. Wenns denn um den persönlichen Kontakt geht, kann man natürlich nicht einfach die Person stehen lassen und in 2 Stunden wieder kommen. Aber man kann ja antworten, dass man darüber nachdenken muss und sich dann später melden. So gelassen (oder faul) wie Steffi werde ich wohl nie sein aber die sich-Zeit-lassen-Methode funktioniert für mich ganz gut und werde ich auch nach der Quarantäne versuchen beizubehalten. Und wenn alle Stricke reissen, tief durchatmen und das Mantra "Ich bin eine Bratpfanne" wiederholen.


Muss nur noch kurz die Welt retten.

Habe festgestellt, dass ich sehr oft die Probleme anderer Leute zu meinen eigenen Problemen mache. Das kann aus altruistischen Gründen passieren, weil ich ihnen helfen möchte oder einfach nur deswegen, weil ich sehe, dass sie da was komplett falsch machen und das so nix werden kann. Im Büro passiert mir das ziemlich oft. Und dann stehe ich Ende Woche da, habe mir irgendwie selber massiv mehr Arbeit aufgehalst und versuche für andere Leute Lösungen zu finden, die sie dann im schlimmsten Fall als ihre eigenen Ideen präsentieren und das Lob dafür einkassieren. Toll. Steffi's Mann Silvio kann davon definitiv auch ein Lied singen, er ist in dieser Beziehung sogar noch schlimmer als ich. Wenn Steffi Teflon ist, ist er ein Schwamm. Er steht ständig unter Strom, muss was unternehmen, muss die Welt verändern, kritisiert andere Leute, wenn er sieht, dass sie was falsch machen, merkt dann, dass sie es nicht hinbekommen und macht dann die Aufgabe lieber selber, kümmert sich um Dinge, die ausserhalb seines Arbeitsbereichs liegen.. Das kann im schlimmsten Fall sogar zu einem Burnout führen und dann ist echt Ende Gelände. Ich kenne 4 Leute persönlich, die ein Burnout gekriegt haben und die sich genau wie Silvio und ich verhalten haben. Sie haben sich schlicht zu sehr in Probleme hineingekniet, wollten überall helfen und haben sich schlussendlich selber vergessen. Und haben teuer dafür bezahlt, indem sie dann monatelang ausfielen, sich in einer Klinik erholen und tatsächlich von Grund auf neu lernen mussten, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Das kann einem echt Angst machen. Steffi hat das natürlich auch auf kurz oder lang kommen sehen und Silvio in die Pflicht genommen, sich mal zu entspannen und aufzuhören, ständig die Welt retten zu wollen. Und mit Steffi als Frau hat er ja wohl beste Voraussetzungen, ein wahrer Meister der Entspannung zu werden. Nach anfänglichem Widerstand musste er sich eingestehen, dass sie mit ihrer Ansicht Recht hat. Als er nämlich aufhörte, ständig irgendwelche Probleme von anderen Leuten zu lösen und Aufgaben zu übernehmen, die sonst niemand machen wollte, stellte er fest, dass sich die Probleme auch anderweitig lösen lassen und dass die unbeliebten Aufgaben nach einer Weile einfach verteilt wurden. Punkt. Er hatte damit nichts mehr am Hut und konnte seine schier unendliche Energie in andere Bereiche lenken. Habe entschieden, dass ich mir ein Beispiel an Silvio nehmen sollte und habe seit Home Office aufgehört, mich um die Probleme anderer zu kümmern. Ich helfe nach wie vor gerne, aber, und das ist der wichtige Teil, nur wenn ich aktiv um Hilfe gebeten werde. Es ist nichts verkehrt daran, sich auch mal zurückzunehmen und sich nicht um alles zu kümmern. Selbst als Abteilungsleiterin kann man durchaus mal die Mitarbeiter ein Problem lösen lassen ohne ständig den eigenen Senf dazugeben zu müssen. Sogar im Privatleben nehme ich mich jetzt gerne mal etwas zurück. Wieso soll nur ich den kompletten Haushalt schmeissen, wenn ich doch mit meinem Freund zusammen wohne? Wir arbeiten beide und da können wir uns auch die Aufgaben im Haushalt fair aufteilen. Lasse daher neuerdings das Geschirr auch mal liegen und höre auf, meinem Freund ständig hinterherzuräumen. Und wenn seine 6-jährige Tochter das Wochenende bei uns verbracht hat, räume ich ihr Spielzeug nicht mehr weg, das überall in der Wohnung und auf der Terrasse verteilt liegt. Das überlasse ich ihm und es funktioniert erstaunlich gut. Manchmal braucht es zwar einen Arschtritt von meiner Seite aber mein Freund braucht das ab und zu, wie er mir selber immer mal wieder mit einem Schmunzeln verrät. Also das kann ich definitiv gut, da braucht er sich keine Sorgen zu machen. Falls er woanders noch Hilfe nötig hat, braucht er mich nur darum zu bitten. Wie alle anderen auch.


Neutral wie die Schweiz

In dieser Hinsicht kann ich viel von meiner besten Freundin Giulia lernen, die aufgrund ihrer diplomatischen Glanzleistungen sehr gut mit anderen Menschen umgehen kann. Vom Typ her ist sie zwar eher wie ich oder Silvio - ehrlich, offen, spart unter Umständen nicht mit Kritik und hat eine hands-on Mentalität. Allerdings versteht sie es, ihre ehrliche Meinung in einen diplomatischen Mantel zu verpacken. Ein Beispiel: Sie sass vor einigen Monaten im Büro und ihr Arbeitskollege neben ihr führte den ganzen Tag Selbstgespräche. "Was muss ich jetzt nochmal klicken? Ach ja hier. Soll ich mir einen Kaffee holen? Hm, nee erst später. Mann, wieso kann ich jetzt meine Mail nicht mehr finden? Von wem war die denn? Ach ja, die habe ich ja gelöscht, aber wieso eigentlich?" Und das trieb sie innerlich in den Wahnsinn. Sie sass dann 3 Stunden da und hat sich überlegt, wie sie ihrem Kollegen auf nette Weise sagen kann, dass sie ihm bald eins mit dem Bürostuhl überzieht, wenn er nicht sofort die Klappe hält. Ich hätte es ihm wahrscheinlich genau so gesagt. Sie allerdings sagte nach stundenlangem Überlegen etwas in die Richtung "Hey, wäre es möglich dass du etwas leiser bist? Ich muss mich grade echt konzentrieren. Sonst würde ich ja meine Kopfhörer benutzen aber ich brauche jetzt etwas Ruhe". Er entschuldigte sich sofort und war ab da still. Mit meiner Antwort hätten gewisse Leute sicherlich absichtlich noch eine Schippe draufgelegt. Einfach um mich zu ärgern. Oder sie wären beleidigt gewesen, was ja eigentlich auch verständlich ist. Nebst ihrem diplomatischen Geschick bleibt Giulia auch fast immer absolut neutral. Während meiner zerstörerischen 5 Jahre dauernden Beziehung mit Ashif hat Giulia mir nicht einmal direkt ins Gesicht gesagt, dass sie ihn nicht mag und dass mir die Beziehung nicht gut tut. Sie hat mich eher immer mal wieder gefragt, ob ich glücklich sei und was genau ich denn an Ashif so toll finde. Sie drängte mir aber nie ihre eigene Meinung auf. Nachdem ich mich von ihm getrennt hatte, war ich im ersten Moment komplett baff als sie mir sagte "Na endlich. Ich dachte schon das würde noch ewig so weitergehen. Jetzt kann ich es dir ja sagen: Ashif ist ein echtes Arschloch und hat dich nicht verdient. Gut, hast du das endlich hinter dich gebracht". Klar wusste ich, dass sie ihn nicht mag aber so offen und direkt hat sie nie über ihn gesprochen. Wohl auch deshalb, weil sie wusste, dass es nichts gebracht und höchstens zu einem Streit geführt hätte. Also hat sie gewartet und mich selber meinen Fehler einsehen lassen.


Ich glaube, diplomatisches Geschick lässt sich nicht einfach so erlernen und in gewissen Situationen neutral zu bleiben dürfte schwierig sein. Aber mann muss sich auch immer wieder vor Augen führen, dass man niemals die komplette Situation kennen kann und daher eigentlich die eigene ungefragte Meinung komplett fehl am Platz ist. Vielleicht war ihr Mitarbeiter an dem Tag supernervös weil er abends ein Date hatte und hat sich durch das Geplappere versucht, abzulenken. Vielleicht war ich mit Ashif einfach in meiner eigenen romantischen Traumwelt gefangen und wollte die Beziehung mit allen Mitteln aufrecht erhalten, auch wenn es schlussendlich nicht geklappt hat. Diesen Fehler musste ich aber machen, um ihn niemals zu wiederholen. Wichtig ist, dass man gegenüber anderen Menschen versuchen soll, neutral zu sein und seine eigene Meinung nur kundtut, wenn man danach gefragt wird. Und wenn man danach gefragt wird, wäre es hilfreich, nicht den Vorschlaghammer auszupacken, sondern à la Giulia ehrlich aber höflich zu sein. Wird schwierig, aber mit etwas Übung sicher leichter. Hoffe ich zumindest.


Achte auf deine Gedanken...

Beim Kontakt mit anderen Leuten denkt man sich ja oft seinen Teil. Wenn ich es mit einem Energiefresser zu tun habe, sieht man mir meistens im Gesicht an, dass ich innerlich mit den Augen rolle und hoffe, dass das nervige Gespräch bald zu Ende ist. Wenn ich mir dabei Sachen denke wie "Meine Güte, hast du echt nichts anderes zu tun als mir auf den Zeiger zu gehen?" kann das das Gespräch ja nur in die Hose gehen. Auch wenn ich meine Aussagen dann versuche positiv zu gestalten, merkt man mir doch an der Körpersprache an, was ich denke. Andersrum reagiere ich für gewöhnlich auch gerne zickig wenn ich merke, dass mein Gegenüber von mir denkt, dass ich eine blöde Schnepfe bin. Wieso sollte ich mir da noch Mühe geben?

In dem Zusammenhang ist mir das Buch "Ich krieg dich" von Leo Martin in den Sinn gekommen. Habe das vor Jahren gelesen und kann es nur weiterempfehlen. Der Autor war früher im deutschen Geheimdienst tätig und versteht sich darauf, auch mit den übelsten Charakteren zurecht zu kommen. Er gibt in seinem Buch diesbezüglich viele hilfreiche Tipps und einer davon ist mir nach all den Jahren immer noch im Gedächtnis geblieben:


Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu deinen Worten

Achte auf deine Worte, denn sie werden zu deinen Taten

Achte auf deine Taten, denn sie werden zu deinem Charakter

Achte auf deinen Charakter, denn er wird zu deiner Persönlichkeit


Ok, irgendwie hat das was von diesen Selbsthilfe, bitte-das-Universum-um-einen-Gefallen-und-du-kriegst-alles-was-du-willst Ratschlägen. Aber eigentlich ist es ein ziemlich simpler Trick, um nicht selber irgendwann ein Energiefresser zu werden. Man muss ja nicht immer nur noch positive Gedanken hegen aber es reicht oft völlig aus, einfach nur eine positive Eigenschaft an seinem Gegenüber zu suchen und sich im Notfall ausschliesslich darauf zu konzentrieren. Vielleicht ist der ständig nörgelnde und genervte Chef ja im Privatleben ein absolut hingebungsvoller Vater. Dann kann man sich ja vorstellen, wie er seinem Sohn abends eine Geschichte vorliest, falls der Chef mal wieder einen Nörgelanfall hat. Vielleicht hilft einem das, ihn menschlicher zu sehen und ihm mehr Verständnis entgegenzubringen. Oder wenn man jemand Neues kennen lernt, sollte man sich vielleicht mit der eigenen Meinung zurückhalten und der Person unvoreingenommen entgegnen. Selbst, wenn man schon so Einiges über sie gehört hat. Ich habe beispielsweise Giulia im Büro kennengelernt, während meiner Ausbildung. Meine letzte Vorgesetzte in meiner Ausbildung hatte mich echt auf dem Kieker. Sie mochte mich nicht, hat überall rumerzählt dass ich faul sei, dass ich ständig Fehler mache und dass man mich für nichts gebrauchen könne. Als ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte, wurde ich in Giuila's Abteilung versetzt. Sie hatte natürlich die Gerüchte über mich gehört, entschloss sich aber dazu, mir unvoreingenommen zu begegnen und mich erst mal kennenzulernen. Sie hat sogar vorab die anderen Leute der Abteilung zusammengetrommelt und ihnen gesagt, sie sollen mir erst mal eine Chance geben und nicht einfach hirnlos alles glauben, was sie hören. Tja, was soll ich sagen. Giulia und ich sind mittlerweile seit über 10 Jahren befreundet und ich konnte in der neuen Abteilung ohne grosse Anstrengung beweisen, dass meine Ex-Chefin wohl einfach ein persönliches Problem mit mir hatte. Faulheit im Job konnte man mir noch nie vorwerfen und schlussendlich war nach einigen Wochen die Glaubwürdigkeit meiner ehemaligen Chefin dahin. Ich bin mir sicher, ich hätte es auch ohne Giulia's Hilfe geschafft, sie hat mir mit ihrer Aktion aber wirklich unglaublich geholfen, einen guten Draht zu meinen neuen Arbeitskollegen zu finden, weil die Kollegen auf ihren Rat gehört haben.

Werde daher versuchen, künftig unvoreingenommener auf neue Personen zuzugehen und für die aktuellen Energiefresser eine Liste der positiven Eigenschaften anzufertigen. "Kann gut nerven" ist damit wohl nicht gemeint, aber ich bin mir sicher, bei jedem lässt sich was finden. Schaden kann es definitiv nicht und auch wenn es anfangs schwierig sein dürfte - Übung macht den Meister.


Reden ist silber..

Viele Leute können reden und reden und reden aber selber scheinen sie kaum die Fähigkeit zu besitzen, mal jemand anderem zuzuhören. Vielleicht haben sie ja zu Hause keine Möglichkeit zu reden oder vielleicht interessieren sie sich schlicht und ergreifend für niemand anderes ausser sich selbst. Wenn ich darüber nachdenke kommt mir spontan meine Mutter in den Sinn. Der Hausdrache. Diese Frau hat echt kein offensichtliches Interesse an jemand anderem als sich selber. Bei einem meiner Besuche vor einiger Zeit hat sie mich gefragt, ob ich meinen nächsten Urlaub schon geplant habe. Ich antwortete "Ja, ich habe grade letzte Woche gebucht, ich fliege nach Curaçao und.." weiter kam ich nicht weil sie mich mit "Oh schau mal was der Hund macht. Der ist ja so klug, willst du mal sein neustes Kunststück sehen?" unterbrach. Wow. Echt beeindruckend wie die Erzählung der eigenen Tochter einem Kunststück des Hundes untergeordnet wird. Sie kam dann zwar später wieder auf das Thema Urlaub zurück, aber nur um mir zu erzählen, wohin sie bald in Urlaub fahren würde. Nach meinen Plänen hat sie mich nicht mehr gefragt. Und ich sah keinen Grund mehr, dem Gespräch proaktiv von meiner Seite aus was beizusteuern - es interessierte sie ja eh nicht wirklich. Allerdings frage ich mich, ob das wirklich so ist. Nur weil sie gerne von sich erzählt und mich an ihrem Leben teilhaben lassen will heisst es ja nicht, dass sie sich nicht für mich interessiert. Ich bin ja schliesslich ihre Tochter, die älteste von insgesamt 4 Kindern. Sie kann einfach nicht gut zuhören und da ist sie bei weitem nicht die einzige Person auf diesem Planeten. Das kann ja auch durchaus was Positives sein. Wenn man jemanden nämlich einfach erzählen lässt und nur zuhört, kann man wirklich viel über diese Person herausfinden. Und teilweise noch nach Jahren neue Seiten an jemanden kennenlernen, die man dann schön auf die Liste der positiven Eigenschaften dieser Person setzen kann. Mir persönlich ist es immer schwer gefallen, einfach nur da zu sitzen und zuzuhören weil mein Mundwerk gerne mal macht, was es will. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich teilweise sogar wie meine Mutter verhalten und anderen Leuten nicht wirklich zugehört und nur darauf gewartet, dass ich wieder irgendetwas erzählen kann. Nochmal. Ich habe mich wie meine Mutter verhalten... Dem muss umgehend Gegensteuer gegeben werden. Habe daher entschieden, dass es manchmal auch mal nicht schaden könnte, mich und meinen Redefluss zurückzunehmen und andere einfach erzählen zu lassen. Vielleicht ist jemand, den ich sonst umgehend in die Kategorie Energiefresser gesteckt hätte, einfach wegen irgendetwas frustriert und will erst mal seinem Ärger Luft machen, bevor er "normal" Reden kann. Und vielleicht ist die laute Nachbarin nur deshalb so laut, weil ihr sonst niemand zuhört und sie sich mit Rumschreien und Türen zuschlagen verständigen muss. Das kann man nur rausfinden, indem man zuhört und selbst einfach mal seinen Senf für sich behält.



Ich bin gespannt, wie ich mich in der Praxis als auf Zuruf hilfsbereite, neutrale, diplomatische, positiv denkende, zuhörende Bratpfanne machen werde, sobald das Kontaktverbot aufgehoben wird. Ja, andere Leute können immer noch nerven und manchmal werde ich mir trotz allem wünschen, ein Eichhörnchen zu sein, dessen einziges Problem das Sammeln des Wintervorrats ist. Aber so eine Abgeschiedenheit von anderen Leuten ist auf Dauer schon ziemlich betrüblich und es kann wirklich nicht schaden, wenn wir alle aus dieser Erfahrung unsere Lehren ziehen. Ganz ohne andere Menschen geht es halt doch nicht und wenn's mal doch zu Reibereien kommt wissen wir, dass das Leben wieder normal ist. Wir können bloss besser damit umgehen und bringen hoffentlich mehr Verständnis füreinander auf. Ich zumindest werde mir alle Mühe geben, auch wenn ich jetzt schon weiss, dass das ein ganzes Stück Arbeit sein wird.

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