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  • Lilly

Jetzt wird's haarig

Denk an eine Frau mit Haaren. Und nein, ich meine nicht die Haare auf dem Kopf. Ich meine den Haarwuchs an allen übrigen Stellen. Was ist deine erste Reaktion? Ekel? Schulterzucken? Euphorie weil du auch dazu gehörst?

Ich glaube immer noch, dass es heutzutage absolut verpönt ist, wenn man als Frau der jüngeren Generation zum Beispiel die Beine nicht rasiert. Oder den Busch im Intimbereich einfach wachsen lässt. Die meisten Leute reagieren darauf, als wäre man radioaktiv verseucht.

Es gibt vereinzelte männliche Exemplare die nichts gegen Wildwuchs einzuwenden haben und ein paar, die sogar darauf stehen. Aber ein grosser Rest findet das abstossend. Oder tut so, als wäre es abstossend, findet es aber eigentlich gar nicht so schlimm. Die gesellschaftliche Konvention besagt halt, dass man Wildwuchs nicht gut zu finden hat.

Wer hat eigentlich bestimmt, dass sich Frauen immer zu wachsen/rasieren haben und zwar überall?? Sogar in den Werbungen für diese Damenrasierer sind die Frauen immer spiegelglatt rasiert. BEVOR sie mit dem Wunderrasierer drübermähen. Ich würde einer Werbung für Damenrasierer viel eher Glauben schenken, wenn sie damit einem Affen die Beine rasieren würden.

Allerdings ist in Sachen Werbung tatsächlich ein Umdenken zu spüren. Ich habe vor Monaten eine Venus Werbung gesehen, mit einer Frau die tatsächlich 5 Haare unter der Achsel hatte. Habe extra zurückgespult um mich zu vergewissern, dass ich nicht geträumt habe. Tatsächlich, da waren sie. 5 Haare. Zweifellos aufgeklebt. Oder wie findet man ein Model, das standardmässig nur 5 Haare hat? Hat man ihr die restlichen ausgezupft? Wenn ich mich ein paar Tage nicht rasiere, sehen meine Achseln aus wie ein Urwald.

Keine Ahnung. Kling für mich auf jeden Fall nach ziemlich viel Aufwand für nichts.

Und wie war das früher? Zum Beispiel zu Woodstock Zeiten? Ich bezweifle, dass sich da irgendjemand um Körperbehaarung gekümmert hat. Man hatte schliesslich andere Dinge zu tun wie sich auf Drogen zu befinden und den Frieden herbeizudemonstrieren.

Aber irgendwann kam wohl ein hirnloses Model auf den Gedanken, sich nicht nur gewichts- sondern auch körperhaartechnisch in Richtung Kleinkind zu bewegen und hat sich den kompletten Körper enthaart. Und tadaaa: Ein neuer Standard für die Frauen des Westens ist erstellt. Halleluja.

Hat sich jemand einmal Gedanken gemacht, wie viel Zeit unseres Lebens wir Frauen dadurch verschwenden? Wenn ich unter der Dusche einmal Programm “Alle Haare weg” durchlaufen lasse, komme ich mindestens auf 3-5 Minuten. Je nachdem wie lange ich schon meine Null-Bock-auf-Rasieren-Einstellung durchgezogen habe. Wenn wir von 3 Minuten alle zwei Tage ausgehen, dann macht das im Jahr....wo ist mein Taschenrechner...irgendwas um die 9 Stunden. Das ist ein ganzer Arbeitstag! In dieser Zeit fliegt man in die Karibik! Oder man könnte sich Titanic zweimal hintereinander anschauen! Und was macht das auf, sagen wir, 30 Jahre hinaus gerechnet? Das sind mehr als 11 Tage. Wow. Ich kann mir unglaublich viele Dinge vorstellen, die ich in diesen 11 Tagen lieber machen würde. Man kann natürlich auch sagen, dass man sich wachsen oder sugarn lassen kann, dann hat man 3-4 Wochen Ruhe. Aber das TUT WEH. Wenn's um Wachsen geht, bin ich ein totales Weichei. Ich bewundere alle Frauen, die sich dieser Tortur regelmässig aussetzen, um jederzeit spiegelglatt zu sein. Mir ist es der Aufwand schlicht und ergreifend nicht wert. Ich bleibe wenn, dann beim Rasieren.

Und ich mache da schon Unterschiede. Die Achseln rasiere ich mir täglich. Einfach, um nicht permanent mit unappetitlichen Schweissflecken rumzulaufen und eine Tonne Deo auftragen zu müssen. Der Rest ist mir relativ egal. Vor allem im Winter. Manchmal habe ich im Herbst/Winter Lust auf ein Kleid oder einen Rock. Verwerfe den Gedanken aber sofort wieder, ich müsste ja sonst meine Beine rasieren. Oder ich kann einfach die dicken schwarzen Strumpfhosen anziehen, die weder Licht noch Blicke durchlassen. Und auch der Intimbereich darf im Winter ruhig mal zuwachsen bei mir. Meine Güte, jemand anderes als ich, mein Freund und mein Frauenarzt kriegen das eh nicht zu Gesicht. Was mein Arzt denkt, interessiert mich herzlich wenig. Und wenn mein Freund nichts dagegen hat - umso besser!


Früher, als ich meinen ersten Freund hatte mit dem ich auch ins Bett ging, war das ganz anders bei mir. Damals kriegte ich regelrechte Schweissausbrüche wenn ich nur daran dachte, nicht überall spiegelglatt zu sein. Was sollte denn mein Freund nur von mir denken? Haare an den Beinen? Unter den Achseln? Oder – Gott bewahre - in meiner Bikinizone? Kreisch!

Als ich 15 war und grade mit besagter ersten grossen Liebe Marco zusammen war, war ich eines Tages auf dem Weg zu ihm. Zu seinem Wohnort gab es keine direkten Busse und ich musste in der nächsten grösseren Stadt umsteigen. Gerade als ich in den zweiten Bus trat fiel mir siedend heiss ein, dass ich mich gar nicht enthaart hatte. Nirgendwo. Oh Gott. Ich machte auf dem Absatz kehrt und fand mich innert 2 Minuten im nächsten Laden vor dem quietschbunten Rasierer-Angebot wieder.

Ich kaufte mir das billigste Modell, ging in den nächsten McDonalds und rasierte mir allen Ernstes den kompletten Körper auf deren Toilette. Die Haare fing ich, so gut es halt ging, mit Toilettenpapier auf und spülte sie im Klo runter. Ein Teil der Haare landete irgendwie in meiner Hose, was dann den ganzen Tag ziemlich unangenehm juckte.

Bei Marco angelangt schlug er vor, ein Schaumbad zu nehmen. Tolle Idee! Nur leider hatte ich mich trocken rasiert. Und die Klinge war zwar neu aber ziemlich billig. Ich hatte gefühlte 1000 Schnittwunden überall und es brannte wie Hölle im Wasser. Ich biss die Zähne zusammen, gratulierte mir aber trotzdem zu meinem grossen Einsatz. In dem McDonalds habe ich mich übrigens lange Zeit nicht mehr blicken lassen.

Heute muss ich darüber lachen, weil ich das Thema viel gelassener sehe. Ich enthaare mich grundsätzlich nur noch im Sommer und höchst selten im Winter. Aus offensichtlichen Gründen: Erstens bin ich im Winter viel zu faul, um unnötigen Zusatzaufwand zu betreiben. Zweitens hat man im Sommer meist was Kurzes an und die Wahrscheinlichkeit eines Ausflugs an einen See oder ins Freibad ziemlich hoch. Das wiederum führt zu drittens: Da ich nicht zwingend zu den gesegneten Frauen gehöre, die ihre Haare spriessen lassen können, ohne dass man wirklich was sieht, muss ich mich wohl oder übel enthaaren. Den Anblick will ich nun wirklich nicht allen anderen Mitmenschen zumuten. So ein Egoist bin ich dann trotz allem auch wieder nicht.


So, und was ist nun mit den Männern? Sie dürfen grundsätzlich überall spriessen lassen was das Zeug hält. Bei denen kommt nicht gleich eine Zensur, wenn sie ihre behaarten Achseln in der Deo-Werbung oder die bärigen Beine bei der Duschmittelwerbung aller Welt präsentieren.

Haare wirken einfach männlich. Ich zum Beispiel mag Haarwuchs total gerne an Männern. Vor allem Bartwuchs. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Hälfte der bärtigen Männer wie 12 aussähe, wenn man sie rasieren würde. Tom, mein Freund, gehört da auch dazu. Und für mich darf ein Mann ruhig Bein-, Brust- und Achselhaare haben. Andere Frauen finden Haarwuchs auch an Männern total eklig und bevorzugen die eher glatteren Modelle. Dabei drängt sich mir immer unweigerlich das Bild von Ken und Barbie beim Rummachen auf. Wie machen die das? Ruschen die nicht aufeinander aus?

Ok, Scherz beiseite. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Ein Mann kann auch männlich wirken, ohne auch nur ein Haar auf dem Kopf zu haben. Feminin wird es erst, wenn sich Männer dazu entschliessen, sich komplett zu rasieren und dann auch noch die Augenbrauen zu zupfen. Sorry, aber das werde ich niemals nachvollziehen können. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Freund schöner gezupfte Augenbrauen hat als ich, dann stellen sich meine sehr wohl vorhandenen Nackenhaare auf.

Das ist mir persönlich definitiv zu viel. Oder besser gesagt zu wenig. Je nach Blickwinkel. Man könnte darauf antworten, dass es doch nicht sein kann, dass nur Frauen das Privileg haben sollen, sich die Augenbrauen schön in Form zu zupfen. An dieser Stelle würde ich gerne im Namen aller Frauen sprechen, die von Natur aus mit riesigen, buschförmigen Augenbrauen geschlagen sind, die im schlimmsten Fall in der Mitte auch noch zusammenwachsen: Es ist kein Privileg, sondern eine Notwendigkeit, sich diese Dinger notfalls mit der Heckenschere halbwegs in Form zu stutzen, damit man nicht wie ein Orang Utan aussieht. Ein Mann mit fetten Augenbrauen sieht nicht halb so beschissen aus wie eine Frau mit amerikanischem Highway mitten im Gesicht. Also kann die Männerwelt sich ruhig entspannen und muss sich nicht zwingend die Augenbrauen unnötig feminin zurechtzupfen. Meine persönliche Meinung.

Und da wir gerade bei Autobahnen im Gesicht sind. Liegt es an mir, oder gibt es momentan tatsächlich einen bizarren Trend, wonach sich Frauen ihre Augenbrauen quer über ihre Stirn malen? Also ich meine so richtig malen. Pablo Picasso ist ein Witz dagegen. Ich kann mich stundenlang bei Make-up Tutorials auf Youtube fasziniert fragen, ob diese Frau echt findet, das sehe natürlich aus. Vor allem bei den Videos mit Titeln wie "My Natural Everyday Look". Je nach Talentlevel sehen die Frauen dann entweder permanent erstaunt oder wie eine orientalische Bauchtänzerin aus. Ich bin offenbar 20 Jahre zu früh auf die Welt gekommen. Ich müsste ja fast nichts mehr an meinen Brauen machen und läge total im Trend! Aber nein, ich habe mir meine Augenbrauen nach einem gut gemeinten Ratschlag meiner damals besten Freundin versucht, in Form zu bringen. Mit 14. Alleine. Obwohl ich total ungeeignet dafür war. Anfangs war es auch nicht weiter tragisch wenn es blöd ausgesehen hat. Ist ja immer wieder nachgewachsen. Nach Jahren des Zupfens und Reissens sind die Brauen aber an gewissen Stellen nicht mehr nachgewachsen. Überhaupt nicht. Und ich hatte plötzlich nicht nur riesige Löcher in den Brauen. Die rechte Braue war plötzlich nur noch halb so lang wie die linke, und die linke hatte eine völlig andere Form als die rechte. Alle verzweifelten Versuche, das wieder grade zu biegen, endeten in noch weniger Haaren und noch ungleichmässigeren Formen. Kurz gesagt: Ich habe richtig bescheuert ausgesehen. Habe das aber jahrelang gekonnt ignoriert. Ich musste mich ja selber nicht den ganzen Tag sehen.

Irgendwann, so vor etwa 6 Jahren, kriegte ich nach einem weiteren missglückten Versuch mein Gesicht wieder in Form zu bringen einen ausgewachsenen Tobsuchtsanfall. Ich schmiss meine Pinzette durchs Bad, fing an zu fluchen und hasste mein 14-jähriges Ich, das Schuld an dieser ganzen Misere war. Als ich dann vor lauter Wut auch noch anfing zu heulen, war das Mass endgültig voll. Ich googelte nach Beauty Salon und vereinbarte noch am Folgetag einen Termin für ein Augenbrauen Tattoo. Der einzige Ausweg, den ich in dieser Situation noch sah. Etwas aufgeregt aber happy kam ich da an und wurde zu meinem absoluten Entsetzen von einer schlecht blondierten Barbie, mit gefährlich aussehenden falschen Krallen und schwarz tätowierten Augenbrauen begrüsst. Ihre Brauen sahen aus wie zwei Barcodes auf einem Kassenzettel. Keinesfalls, was ich wollte. Ich füllte das Formular aus und ging mit einem mulmigen Gefühl zu der Tätowiererin. Zu meiner Beruhigung sah sie völlig normal und echt nett aus. Wir unterhielten uns und sie malte mir mit einem fetten, dunkelbraunen Marker die Umrisse der neuen Brauen auf. Auf meinen vorsichtig formulierten Kommentar, dass ich das absolute Gegenteil von den Brauen der Empfangsdame haben wolle, musste sie lachen und meinte, sie würde auf jeden Fall auf einen natürlichen Look achten. Das überzeugte mich und ich liess sie gewähren. Mein erstes "Tattoo". Und mein letztes. Ich bin eine totale Memme und will gar nicht wissen, wie sich das Stechen eines echten Tattoos anfühlen muss.

Mit dem Ergebnis war ich allerdings absolut zufrieden. Ich sah wieder aus wie ein Mensch und fühlte mich auch wieder viel weiblicher. Auch wenn ich die ersten paar Wochen aussah wie ein Transgender, da die Brauen extrem dunkel wirkten, bevor die haut eine Farbschicht abgestossen hat. Nach einem Monat hatte ich mich dran gewöhnt und war überaus zufrieden mit mir selbst.

Nach zwei Jahren allerdings hat meine Haut so ziemlich die ganze Farbe abgestossen. Zurück blieb ein rötlich-oranger Schimmer, wo früher die gestochen scharfe braune Augenbraue tätowiert gewesen ist. Ein ROT-ORANGER Schimmer. Ich bin aschblond und habe blaue Augen. Dass weder Rot noch Orange in mein Gesicht passen, sollte damit sonnenklar sein. Meine Hoffnung, dass die Haare nach 2 Jahren wieder nachgewachsen sein würden, erwies sich auch als falsch. Dort, wo ich keine Haare hatte, sah ich jetzt einfach aus wie Pumuckl. Also noch schlimmer als vorher. Und dafür hab ich zwei Jahre zuvor über 900 Franken hingeblättert. Ich stand wieder kurz vor einem Tobsuchtsanfall.

Ich beschloss, nochmals meinen Freund Google hinzuzuziehen und dieses Mal auf Microblading zu setzen. Also vereinbarte ich einen Termin bei einer anderen Dame in Zürich. Die war, wenn man meiner kurzen Internetrecherche glauben schenken wollte, eine sehr talentierte junge Frau mit Master Abschluss im Gesichts-Microblading. Mit Auszeichnung. Ich wusste bis dahin nicht mal, dass es so was gibt. Ursprünglich stammte sie aus Vietnam und ist nun seit einigen Jahren in der Schweiz. Na gut, versuchen wir es. In ihrem Laden angekommen, begrüsste sie mich mit dem schönsten "Welcome-Massaaaaaaaage" Dialekt, der direkt an Thailand erinnert. Und schon war mein Vertrauen dahin. Hmmmm. Sollte ich das wirklich wagen? Der Laden sah auch alles andere als professionell aus. Sie erklärte mir aber rasch, dass sie ihr Geschäft gerade am Umziehen sei und daher nur noch ganz wenig Ausstattung hier hätte. Aha. Ich fühlte mich trotzdem unwohl. Absagen wollte ich aber auch nicht und seien wir ehrlich. Viel konnte sie da ja nicht mehr versauen. Sie schüttelte den Kopf beim Anblick des Häufchen Elends auf meiner Stirn. Dann legte sie los mit ihren kleinen Microblading-Messern, die sich anfühlten, als würden 1000 gemeine Feuerameisen eine Party auf meiner Stirn veranstalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit betrachtete ich voller Bammel meine neuen Brauen. Und war komplett überrascht. Sie hatte nicht nur den Rotstich komplett überdeckt, sie hatte einzelne Haare gemalt. Und war mit Schattierung, so dass man auf den ersten Blick echt nicht sah, dass die Brauen nur gemalt sind. Wahnsinn. Und dreimal günstiger als die erste Trulla. Ich bedankte mich und sagte mir im Stillen, dass wir uns sicherlich bald wiedersehen würden. Nach spätestens zwei Jahren.

Aber nein, es sind mittlerweile bald vier Jahre vergangen und ich bin immer noch zufrieden. Irgendwann werde ich wieder vorbeigehen müssen, aber ich weiss ja jetzt, dass es funktioniert. Und das alles nur, weil ich das Geld sparen wollte und mich früher geweigert habe, mir von der Kosmetikerin die Brauen zupfen zu lassen. Auch nachdem ich schon voll im Berufsleben war und mir das locker hätte leisten können. Es war einfach Geiz und die pure Faulheit.

Ein gut gemeinter Rat an alle Frauen, die sich ihre natürlichen Brauen in Form bringen wollen: Macht das nicht selber. Lasst zumindest die Grundform von einer professionellen Kosmetikerin zupfen. Danach könnt ihr ja nur noch die Form nachzupfen und ab und an mal wieder vorbeigehen, um Löcher zu füllen. Ansonsten kann es schnell in ein langjähriges, teures und peinliches Fiasko ausarten. Schlussendlich sind Augenbrauen unheimlich wichtig für ein Gesicht und den Ausdruck. Man nimmt einen Clown mit bis zum Haaransatz aufgemalten Brauen ja auch nicht für Voll, oder?

Und für diejenigen, die mit dem aktuellen Trend mitgehen und sich denken, je dicker desto besser: Weniger ist manchmal mehr. Und je mehr ihr euch beim Aufmalen von der natürlichen Form und Farbe eurer Brauen wegbewegt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass euer neuster Fang schreiend aus dem Bett springt, wenn er euch mal nach dem Abschminken gesehen hat. Schliesslich seht ihr dann aus wie ein anderer Mensch. Die Natur hat sich meistens was überlegt und wer mit grundsätzlich schön geformten Brauen gesegnet ist, kann diese ja einfach nur noch etwas betonen und fertig. Und soweit ich weiss, steht der grösste Teil der Männerwelt auf Natürlichkeit in dieser Sache, was ich absolut nachvollziehen kann.


Also, wir haben über die allgemeinen Körperhaare und die Augenbrauen sinniert. Was ist mit den Haaren auf dem Kopf? Auch da finde ich, haben es die Männer ja so unglaublich einfach! Wenn sie einen riesigen Wuschel auf dem Kopf haben, wirkt das süss und macht sie jünger. Haben sie kurz geschnittene Haare, wirken sie professionell und ernst. Haben sie spärliche Haare, können sie diese auch einfach ganz wegrasieren und wirken vertrauenerweckend und erwachsen. Haben sie graue Haare, wirken sie reif und erfahren. Ok, je nachdem wie viel Selbstvertrauen sie jeweils ausstrahlen und nicht jedem Mann steht eine Glatze. Aber du weisst, was ich grundsätzlich meine. Solange sie nicht mit einer völlig verfilzten, ungepflegten Matte rumlaufen oder ihre Glatze mit einem bis zur Schulter reichenden Haarkranz verzieren, machen sie selten was falsch.

Wir Frauen machen uns um unsere Haare einen riesen Kopf (Wortspiel unbeabsichtigt). Wir färben, wir blondieren, wir toupieren, wir schneiden, lassen wieder wachsen, wir machen uns Locken wenn wir grade Haare haben und strecken sie, wenn wir gelockte Haare haben. Wir machen uns stundenlang Frisuren, betonieren die Haare mit einer Tonne Haarspray und verbauen hunderte Haarspangen in einer Frisur, die wir dann nach dem schönen Abend mit viel Gefluche wieder rauszuziehen versuchen. Wir gehen mit unseren schönen langen Haaren zum Frisör und fangen an zu heulen, wenn er mehr als die versprochenen 3 Millimeter abgeschnitten hat. Wenn irgendetwas in unserem Leben passiert, müssen wir sofort radikal unsere Frisur ändern. Wir verbraten echt viel Zeit und Energie mit unseren Haaren. Wie viele Stunden habe ich schon vor dem Spiegel zugebracht und mir Locken gezaubert? Und wenn ich nach 2 Stunden endlich fertig bin, kann ich wieder von vorne anfangen, weil die Haare, die ich mir als erstes gelockt habe, schon wieder grade sind. Entweder mache ich was falsch, oder ich habe Haare wie Gurte. Die rollen sich einfach immer wieder in die Ausgangsposition.

Ich bewundere Frauen, die schöne, lange, glänzende Haare haben und damit umzugehen wissen. Giulia, meine beste Freundin, zum Beispiel sieht aus wie ein Pantene Pro-V Model und sie ist ein echter Profi, wenn's um Frisuren geht. Da zaubert sie sich mal eben innerhalb von 5 Minuten einen französischen Zopf. Ich kriege bei mir nicht mal einen normalen Zopf hin. Der wird dann schräg und hat überall Haarfetzen die rausschauen und irgendwie ist der mittlere Haarstrang immer der Kürzeste. Meistens gebe ich schwitzend und fluchend wieder auf und lasse meine Haare völlig unspektakulär einfach offen. Oder mach ne Haarklammer rein. Auch Haartutorials wirken bei mir überhaupt nicht. Mir fehlen schlicht und ergreifend die feinmotorischen Fähigkeiten und die Geduld für eine schöne Frisur. Wenn ich so was haben will, gehe ich zum Frisör. Ansonsten ist bei mir Hopfen und Malz verloren.

Die Männerwelt ist sich übrigens meiner Meinung nach grösstenteils einig, wenn es um die Haarpracht von Frauen geht: Je länger, desto besser! Ich habe noch nie einen Mann kennengelernt, der explizit nur auf kurze Haare bei Frauen steht. Der Tenor liegt eindeutig bei längeren Haaren, soweit ich das in meinen bisherigen Studien mittels Befragung meiner Ex- und Datingpartner rausfinden konnte. Oder die Antwort lautet "Mir eigentlich egal". Toll.

Peter, der Freund von Giulia, kann sogar stundenlang mit ihr diskutieren wenn sie vor hat, sich ihre Haare kurz schneiden zu lassen. Das kann dann schnell mal in einem Streit ausarten. Wegen Haaren. Puh. Aber Peter ist da bei weitem nicht der Einzige. Mit Ashif, meinem letzten Freund, habe ich auch schon so viele Diskussionen wegen meiner Haarlänge und -farbe geführt. Unglaublich. Es sind MEINE Haare. Ok, er muss mich anschauen aber trotzdem. Jedenfalls sehen Giulia und ich uns nicht sehr häufig und vor einigen Monaten habe ich sie und Peter mal wieder nach Monaten besucht. Damals habe ich mir die Haare kurz geschnitten. Etwa so zwischen Kinn- und Schulterhöhe. Seine Begrüssung: "Oh nein, du hast dir die Haare auch abgeschnitten" - "Hallo Peter. Es freut mich auch, dich wieder einmal zu sehen." Ich fand diese Begrüssung unglaublich amüsant und muss heute noch mit Giulia darüber lachen. Männer können ja so ehrlich sein. Genau wie kleine Kinder und Besoffene.

Ok, was ist mit der Farbe? Farbtechnisch gehöre ich zu den Mutigen (oder Bescheurten) und habe ich schon ziemlich alles versucht. Schwarz, blond, braun, violett, rot, orange. Letzteres eher ungewollt. Mit etwa 14 verpasste ich mir erst eine Dauerwelle und färbte dann meine aschblonden Haare schwarz-blau. Ich sah aus wie ein französischer Pudel. Aber die Farbe gefiel mir und ich behielt Schwarz noch ziemlich lange als meine Wahl-Haarfarbe. Bis ich irgendwann die Nase voll davon hatte, im Winter auszusehen wie eine Wasserleiche. Also liess ich die Farbe rauswachsen. Meine aschblonden Haare wirkten im Kontrast GRAU. Und es sah richtig richtig Scheisse aus. Also entschied ich, einfach mit einem dunklen braun drüber zu färben und dann immer eine Stufe heller zu werden. Eigentlich eine gute Idee. Aber ich entschied, das selber zu färben. Und so hatte ich innert weniger Monate mindestens 4 verschiedene Braun-, Schwarz und Aschtöne auf meinem Kopf. Und ich hatte damals Haare bis zu den Hüften. Sah echt ähm gewöhnungsbedürftig aus. Nach einem Urlaub und vielen Ausrastern wegen Nicht-Kämmbarkeit meiner Matte nach dem Bad im Meer entschied ich, dem ein Ende zu setzen. Ich ging zum Frisör und liess mir gut einen halben Meter Haare abschneiden. Das war toll! Danach war alles wieder viel besser und ich konnte mich innert kürzester Zeit daran erfreuen, dass ich wieder zu meiner Naturfarbe zurückgekehrt bin. Die ich umgehend mit Rot vergewaltigte. Was dann Orange wurde. Danach folgten Dunkelbraun, Aubergine, danach wieder Rot und irgendwann habe ich meine Haare so zerstört, dass sie mir fast vom Kopf brachen. Ich entschloss mich, mit dem Färben aufzuhören. Nach ein paar Jahren der Abstinenz waren sie wieder lang und Strassenköterbraun. Also färbte ich mir ein paar blonde Strähnen rein. Und das ist aktuell mein Lieblingslook. Eventuell widme ich mich in einigen Jahren der übrigen Farbpalette. Man kann ja nie wissen.

Aber ich glaube, ich gehöre da nicht unbedingt zur Ausnahme. Frauen stellen die Wildesten Sachen mit ihren Haaren an. Teilweise ist es ein gewagtes Experiment, dass dann schlussendlich fantastisch aussieht. Meistens endet es aber eher in einer Katastrophe. Und was ist dann? Witzigerweise spricht es keiner direkt an, wenn die neue Frisur oder Farbe einfach nur beschissen aussieht. Also habe ich mir eine Faustregel erstellt: Wenn ich mir eine neue Frisur oder Farbe verpasse und keiner in meinem Umfeld sagt was dazu, kann ich davon ausgehen, dass es ziemlich blöd aussieht. Ansonsten würde ich doch Komplimente kriegen. Wenn nur eine/r was sagt, dann fällt die Frisur vielleicht gar nicht gross auf. Wenn so ziemlich alle irgendwie reagieren, habe ich alles richtig gemacht. Aber um dem Nichtssagen bei Katastrophe entgegenzuwirken, habe ich irgendwann angefangen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn jemand beim Frisör war und es Scheisse aussieht. Es hilft ja nichts, wenn einfach alle das Offensichtliche totschweigen. Und ich will ja nur helfen. Giulia und ich haben vor Ewigkeiten zusammen im Büro gearbeitet. Sie kam eines schönen morgens frisch und fröhlich an ihren Schreibtisch und präsentierte ihre neue Frisur. Mein Kommentar "Deine neue Haarfarbe sieht aus wie Bärendurchfall" löste absolutes Entsetzen mit einem darauffolgenden, verzweifelten Anruf bei ihrem Frisör mit der Bitte um einen Notfalltermin aus. Den Spruch hat sie mir nie vergessen und auch heute, Jahre später, lachen wir uns noch immer krumm darüber. Und vor Kurzem war eine Arbeitskollegin offenbar bei einem neuen Frisör weil ihre Haare waren nicht wie üblich blond, sondern grün-blau. Ich frage sie, ob sie beim Frisör war. Auf ihr freudiges "Ja" frage ich, ob sie wisse, dass ihre Haare einer Postkarte der Malediven Konkurrenz machen könnten, so viele Blau- und Grüntöne gibt es sonst nur im indischen Ozean. Auch sie ging sofort los und vereinbarte eine Notfallsitzung beim Frisör.

Ja, man kann es diplomatischer formulieren. Aber in Diplomatie habe ich noch nie geglänzt und man darf mir selbstverständlich auch ins Gesicht sagen, wenn mein neuer Look in die Hose gegangen ist. Ich bitte sogar darum. Genauso, wie wenn mir Salat zwischen den Zähnen hängt und keiner sich traut, etwas zu sagen. Die meisten Leute fangen dann einfach an, sich völlig irrational und wiederholt mit der Zunge über die eigenen Zähne zu fahren, in der Hoffnung, dass ich den Wink mit dem Zaunpfahl verstehe. Meine Güte, sag doch einfach "Hey, du hast das was grünes ekliges zwischen den Zähnen". Nein, man lässt mich einen ganzen Nachmittag in Sitzungen vor mich hingrinsen und mit Leuten aus nächster Nähe sprechen. Nur, damit ich 3 Stunden später auf dem Klo beim Händewaschen im Spiegel feststelle, dass ich ein halbes Salatfeld zwischen den Zähnen habe. Vielen Dank auch. So verhält sich das auch mit meinen Haaren. Nur dass man mir dafür keine irrationalen Zaunpfahl-Zeichen geben kann, sondern es mir halt einfach ins Gesicht sagen muss. Ist mir lieber, als es tot zu schweigen und zu hoffen, dass ich von selber drauf komme und mir diese Frisur nie wieder verpasse.

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