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  • Lilly

Dating am anderen Ufer

Heute widme ich mich mal wieder den Männern. Aber nicht einfach irgendwelchen Männern, sondern ich blicke mal ans andere Ufer und nehme mithilfe den zahllosen Erzählungen und Eskapaden meines guten schwulen Freundes Mio die Männerwelt aus seinen Augen unter die Lupe. Und er hat mir schon so einiges erzählt. Oft musste ich meinen Impuls unterdrücken, mir die Ohren zuzuhalten und lalalalala zu singen. Mio geht sehr gerne ins Detail und plaudert frisch und fröhlich von seinen neusten Errungenschaften, wie sie bestückt sind und worauf sie so stehen. Erst musste ich mich an seine völlige Offenheit gewöhnen aber die Neugierde darüber, wie das so am anderen Ufer abläuft, siegte schliesslich und mittlerweile gehört es zum guten Ton bei uns beiden, wenn wir uns ausführlich über seine letzte Eroberung unterhalten. Warum auch nicht? Ob man jetzt auf Frauen oder Männer steht ist ja völlig irrelevant und ich glaube mittlerweile dass wir Heteros bei gewissen Themen so einiges dazulernen können, auch wenn es in anderen Bereichen auf unserer Seite des Ufers viel einfacher zu und her geht. Falls du keine schwulen Männer in deinem Umfeld hast und dich schon immer gefragt hast, wie es denn in anderen Gefilden so vor sich geht, dann bist du hier genau richtig. Aber bevor ich starte, möchte ich noch eines klar stellen. Natürlich liegt es mir fern, alle Männer über einen Kamm zu scheren und hoffe, es fühlt sich niemand vom Wort "schwul" vor den Kopf gestossen. Ich meine das absolut nicht abwertend und Mio hat mir erklärt, dass er zumindest kein Problem damit hat als schwul bezeichnet zu werden, solange es nicht negativ behaftet ist. Da ich hier absolut gar nichts negativ meine, bleiben wir also bei den schwulen Männern und wie das bei ihnen in Beziehungen, beim Dating und beim Thema Sex so läuft. Und eines sei schon mal verraten: Eintönig und konventionell ist es ganz bestimmt nicht.


Outing, Fremdgehen und Sexspielzeug

Ich habe Mio ganz langweilig bei der Arbeit kennengelernt. Wir haben uns von Anfang an ziemlich gut verstanden und als er mir eines Abends beim Feierabendbier mitgeteilt hat, dass er schwul ist, war ich im ersten Moment komplett überrascht. Ich kannte ihn damals noch nicht mal einen Monat, wusste aber bereits einige Dinge über ihn, die mir in keinster Weise einen Hinweis darauf gegeben hätten, dass er auf Männer stehen könnte. Er erzählte mir oft von seiner Exfreundin Larissa, er ist im Militär ein hohes Tier, versteht es, sich mit seiner tiefen männlichen Stimme Gehör zu verschaffen und er legte damals keinerlei feminines Gehabe an den Tag. Dazu muss ich allerdings noch sagen, dass mein Schwulen-Radar meistens überhaupt nicht funktioniert, ausser wenn ein Mann seine feminine Seite dermassen offensichtlich präsentiert, dass ein Irrtum fast ausgeschlossen ist. Wenn alle anderen in meinem Umfeld behaupten, dass ein Mann schwul ist, glaube ich das aber bei nicht offenslichtlich femininer Art erst, wenn er es dann selber sagt oder seine Zunge in den Hals eines anderen Typen steckt. Nicht, dass ich was dagegen hätte. Dass man als schwuler Mann nicht zwingend feminin sein muss, habe ich erst durch Mio richtig erfahren. Auch wenn es im Nachhinein peinlich und eigentlich offenslichtlich ist. Auch in schwulen Beziehungen gibt es einen männlichen und einen weiblichen Part wenn es um das Verhalten geht, genauso wie bei uns Heteros.

Ok, zurück zum Outing-Feierabendbier mit Mio. Nach seinem "Geständnis" habe ich ihn auf seine Exfreundin Larissa angesprochen. Er lachte und meinte, damit sei sein Exfreund Lars gemeint. Allerdings wolle er im Büro nicht seine sexuellen Neigungen rumposaunen, weshalb er seinem Exfreund den Decknamen Larissa verpasst hatte. Das klärte mal einen grossen Teil meiner Verwirrung auf. Ich fragte Mio, was denn mit Lars schief gegangen sei und er erklärte, dass sie nach Jahren der Beziehung nicht mehr dasselbe wollten. Das kam mir sehr bekannt vor. Die Geschichte dahinter allerdings nicht. Er erzählte mir, dass es in schwulen Beziehungen oft vorkommt, dass die Partner sich auch ausserhalb der eigenen Beziehung sexuell vergnügen. "Wie jetzt, ihr geht euch fremd?", war meine ungläubige Antwort. "Nein, wir leben uns nur aus. Und wenn dann mal ein dritter dazu kommt oder Lars sich mit jemand anderem trifft, ist das ok. Ich habe das auch ab und an gemacht", war seine Antwort. Das musste ich erst mal verdauen. "Bist du denn nie eifersüchtig?", fragte ich ihn. "Doch schon. Aber nur wenn ich nicht mehr an erster Stelle stehe und das ist mit Lars passiert. Ich hatte kein Problem damit, dass er sich mit anderen Männern trifft, allerdings hat er mich mit der Zeit auf ein Abstellgleis gestellt und war öfter mit anderen Typen als mit mir unterwegs und kam oft tagelang nicht nach Hause. Und wenn er dann irgendwann nach Hause kam, wo ich wie üblich alles geputzt und ordentlich gehalten habe (dramatisches Augenverdrehen - also doch etwas Feminines gefunden), hat er erst mal seine Dreckwäsche überall verteilt und ist direkt schlafen gegangen. Egal, welche Uhrzeit es war. Was ich wollte hat ihn überhaupt nicht mehr interessiert. Das war mir irgendwann zu viel und es gibt ja bekanntlich genügend schwule Fische im Meer", erklärte er mir mit einem Augenzwinkern. Wow, ich konnte das kaum glauben. Er war mit Lars 4 Jahre liiert und mehr als eines davon ist Mio auf dem Abstellgleis gestanden. Ihn als tolerant zu bezeichnen ist in meinen Augen die Untertreibung des Jahrhunderts. Statuen müssten ihm zu ehren errichtet werden, Lieder müssten über seine engelsgleiche Geduld geschrieben werden. Ich hätte meinem Freund den Fuss in den Allerwertesten gerammt, wenn ich meine sehr wohl verdiente Aufmerksamkeit aufgrund anderer Frauen nicht mehr gekriegt hätte.


Ich erfuhr von Mio, dass er sich von Lars getrennt, aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist und sich eine eigene Wohnung gesucht hat. Dorthin war ich auch einige Tage nach besagtem Feierabendbier eingeladen. Mio zeigte mir stolz seine Wohnung, bekochte mich und versorgte mich den ganzen Abend über mit Wein und Schokolade. Ich war hin und weg und sagte ihm, dass an dem alten Spruch "Wieso sind alle schönen und netten Männer schwul?" tatsächlich was dran ist. Er grinste mich frech an und meinte, den besten Teil seiner Wohnung hätte ich noch gar nicht gesehen. Ich folgte ihm brav ins Schlafzimmer, wo er mir seine komplette Dildo-, Handschellen, Peitschen-, Kostüm-, Penisring-, Latex-, Knebel-, Kondom- und Gleitgelsammlung zeigte. Mir blieb echt die Spucke weg und ich würde von mir nicht grade behaupten, dass ich ein verklemmter Mensch bin. So eine Auswahl haben nicht mal gewisse Sexshops! Und was es da alles zu bestaunen gab. Die Dildos waren zum Teil aufblasbar, die Penisringe besass er in den verschiedensten Grössen, die Handschellen konnte man wahlweise mit oder ohne Fell haben und es gab nebst interessant aussehenden Latex-Kostümen auch mehrgliedrige Peitschen. Und er zeigte mir natürlich alles bis ins kleinste Detail. Er erklärte mir zum Beispiel, dass ein Penisring benutzt wird, um eine vorzeitige Ejakulation zu verhindern, was ich schon wusste. Allerdings sei es sehr wichtig, dass der Ring flexibel ist, am besten mit Druckknöpfen. "Den bringst du sonst unter Umständen nicht mehr runter und kriegst nen Blutstau. Das wäre ziemlich unschön", erklärte er. "Werde ich mir merken", antwortete ich sehr geistreich. Er zeigte mir auch kleine Fläschchen mit irgendeinem giftigen Zeug drin. Ohne Witz, da war ein Totenkopf auf dem Ettikett und ich wollte erst gar nicht wissen, wofür das gut ist. "Stell dich nicht so an, wir trinken es ja nicht. Daran zu riechen wirkt aphrodisierend, aber man darf es nicht übertreiben", erklärte er und stellte es dann wieder sorgfältig zurück. Er liess mich auch die Peitschen schwingen und meinte, ich sei ein Naturtalent (was ich natürlich weiss). Den Mundball wollte ich dann aber doch nicht ausprobieren, das war irgendwie too much, auch wenn er mir hundertmal versicherte, dass er alle seine Spielsachen immer gründlich nach Gebrauch putzt.

Ich brauchte erst mal eine Zigarette, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten. Würden Heteros einen prinzipiell unbekannten Menschen zu sich nach Hause einladen und einfach mal das komplette Inventar an Sexspielzeugen vorstellen? Also bei aller Liebe, das würde mir niemals in den Sinn kommen, dir etwa? Für ihn aber absolut normal. Er erklärte mir, dass schwule Männer oft ein sehr offenes Verhältnis zu ihrer Sexualität haben. Ich gehe davon aus, dass sie sich mit diesem Thema zwangsläufig viel öfter beschäftigen als Heteros und die Offenheit daher kommt. Schliesslich ist Homosexualität ja teils gesellschaftlich immer noch ein kontroverses Thema.

Ich habe ihn daher gefragt, wann er sein Outing seiner Familie gegenüber hatte. "Da war ich 18. Ich hatte vorher zwei Freundinnen, aber dass das mit den Frauen nichts wird wurde mir ziemlich schnell bewusst. Allerdings stamme ich aus Kroatien und meine Eltern sind sehr traditionell. Die erste Reaktion meines Vaters war die, dass er ab sofort keinen Sohn mehr hat", erklärte er mit sehr schwerer Stimme. Das ist ja schrecklich! Erst da wurde mir mal so richtig bewusst, was das für ein grauenhafter Druck für Mio gewesen sein muss. Und nicht nur für Mio. Für alle Männer und Frauen, die sich outen wollen aber Angst vor genau dieser Reaktion haben. Für Hetero-Frauen zum Beispiel ist es so normal wie atmen, dass sie irgendwann ihren ersten Freund mit nach Hause nehmen und niemand entsetzt nach Luft schnappt und sie deswegen verstösst. Wir machen uns auch keine so tiefen Gedanken über unsere sexuellen Neigungen und müssen keine Angst davor haben, deswegen diskriminiert oder nicht ernst genommen zu werden. Zum Teufel mit diesem gesellschaftlichen Bullshit, die sexuelle Neigung sagt absolut gar nichts über einen Menschen, seinen Charakter oder seine Fähigkeiten aus. Wie viele gesellschaftlich hoch angesehene Hetero-Männer in Spitzenpositionen sich am Wochenende bei der Prostituierten ihres Vertrauens Windeln anziehen oder mit Leine um den Hals spazieren geführt werden, will ich gar nicht wissen. Die machen das aber auch nicht publik, genau aus demselben Grund wieso schwule Männer und Frauen sich nicht outen wollen: Das gehört sich gesellschaftlich nicht. Pfui sage ich da zu den ach so feinen Menschen, denen Homosexualität ein Gräuel ist. Das ist doch völlig unerheblich. Und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Mio tat mir in dem Moment, als er mir das mit seiner Familie sagte, unendlich leid und ich fragte ihn, wie es denn mittlerweile mit der Familie läuft. Schlussendlich waren inzwischen fast 20 Jahre vergangen. "Ach, die haben sich gefangen. Ich habe meinen Abschluss gemacht, habe einen guten Job, bin in der Armee weit gekommen und habe mein Leben im Griff. Was man von meiner Schwester nicht behaupten kann. Die macht gar nichts und wenn Not am Mann ist, stehe ich immer zur Stelle. Das sehen auch meine Eltern und ich weiss, sie haben mich lieb", war seine Antwort und damit war dieses Thema erledigt. Sehr pragmatisch, das mag ich.


Putzfimmel, Dating-Apps und Rastplätze

Wir verstanden uns auch während der kommenden Wochen und Monate gut und Mio bekam auch mit, wie ich meinen heutigen Freund Tom (ebenfalls bei der Arbeit) kennengelernt habe. Und dass ich damals noch in meiner unglücklichen Beziehung mit Ashif steckte, wusste er natürlich auch. Als der Zeitpunkt kam, an dem ich mich von Ashif trennte, waren Mio, Tom und meine beste Freundin Giulia zur Stelle und boten mir eine vorübergehende Bleibe an, bis ich die gemeinsame Wohnung mit Ashif abgeben konnte. Bis es soweit sein würde, würden aber noch 8 Monate ins Land ziehen. Ich wusste nicht, zu wem ich 8 Monate lang vorübergehend einziehen sollte. Giulia lebte mit ihrem Freund zusammen und Tom und Mio hatte ich doch erst kennengelernt. Dann kam der Tag, als Ashif mich mit Drohanrufen bombardierte. Mio war dabei und hat alles mitgekriegt. Als ich dann irgendwann so richtig in Panik geriet, sagte Mio ruhig: "Einer meiner besten Kumpels arbeitet bei der Polizei. Wenn's dir zu viel wird, gehen wir mal dahin und du machst ne kleine Anzeige. Oder du ziehst heute noch bei mir ein. Ich hab ne 9 Millimeter bei meinen Dildos. Was sagst du?" Ich musste keine Millisekunde überlegen und zog noch am selben Tag bei Mio ein.


Wie erwartet verstanden wir uns prächtig. Allerdings merkte ich schnell, dass er einen totalen Putzfimmel hat. Er hat zwei Katzen und staubsaugte täglich mehrere Male. Am Wochenende stellte er gerne die komplette Wohnung auf den Kopf und entkalkte, entstaubte und schrubbte was das Zeug hält. Ich mache das in dieser Intensität genau einmal im Jahr. Vielleicht. Wenn ich Lust habe. Ok, meistens erst dann, wenn ich sowieso vor dem Umzug putzen muss. Als ich Mio irgendwann auf allen Vieren, mit einem Wattestäbchen bewaffnet erwischte, während er die Spalten zwischen Boden und Türen putzte, wurde mir alles zu viel und ich verordnete eine Dringlichkeits-Zigarettenpause. "Hör mal, ich wohne jetzt auch hier und ich werde dir natürlich helfen zu putzen. Aber verdammt nochmal, hör auf dich wie eine durchgeknallte Putzfee zu verhalten und benutz die Wattestäbchen für deine Ohren, nicht für deine Türrahmen." Er willigte lachend ein und musste gestehen, dass er es manchmal vielleicht doch ein bisschen übertreibt. Ein bisschen! Aber wir arrangierten uns und fanden einen Mittelweg zwischen seinem übertriebenen Fimmel und meiner überbordenden Putz-Faulheit. Und da fiel mir zum ersten Mal auf, dass Mio absolut nicht durchgängig der männliche harte Typ ist, den ich in den ersten Wochen unseres Kennenlernens in ihm gesehen habe. Tatsächlich benahm er sich privat gerne mal wie eine Diva und liess durchaus einen femininen Touch durchschimmern. Als ich ihn in seinem Putzwahn beobachtete, fiel mir das zum ersten Mal auf. Bei einer gemeinsamen Shopping-Tour benahm er sich sogar einmal wirklich wie im Film. In einem der teureren Geschäfte lief er mit mir durch die Reihen und behängte mich mit massig Klamotten zum Probieren. Selbstverständlich durfte ich mir auch was aussuchen aber meistens ernteten meine Objekte der Wahl ein "Naja aber wenn du meinst". Während seinem tornadoartigen Stöbern fiel mir aber durchaus auf, dass wenn ein hübscher Mann in der Gegend war, er während dem Gehen gerne mit den Hüften wackelte und ihm verführerische Seitenblicke zuwarf. Oder er raunte mir ein "Der gehört mir" zu. Ich erkannte mich selbst in Mio, behielt aber diese Erkenntnis innerlich grinsend für mich. Übrigens wuchs aus dieser Situation unser Spiel Ja-Nein. Wenn wir unterwegs sind und uns ein Mann entgegenkommt, sagen wir beide entweder ja oder nein, je nachdem, ob wir den Typen in unser Bett lassen würden oder nicht. Unsere Geschmäcker könnten verschiedener nicht sein und das Spiel führt nicht selten zu plötzlichen Lachanfällen, die meist irritierte Blicke von Passanten auslösen.

Ok, zurück zur Shopping-Tour wie sie im schwulen Buche steht. In der Umkleide verlangte Mio umgehend ein Glas Sekt, stellte seine Lieblingsmusik übers Handy an und verwandelte den Raum in ein Partylokal. Aber niemand störte sich daran, weil er eine absolute Stimmungskanone und ganz offenbar total schwul war. Er machte echt keinen Hehl draus und sprach sogar in einer weiblicheren Stimme, als ich es im Büro von ihm gewöhnt war. Die diva-mässige Handbewegung fehlte natürlich auch nicht. Da wurde mir klar, dass Mio offenbar der weibliche Part in einer Beziehung sein würde und dass er sich extrem gut darauf verstand, seine weibliche Seite nur dann rauszulassen, wenn er wollte. Dafür aber richtig. Es verleitete ihn auch dazu, in seiner Beraterrolle in Style-Fragen völlig aufzugehen. Die arme Verkäuferin wurde daher ziemlich von ihm rumgescheucht und wenn sie einen Vorschlag machte, der ihm gar nicht gefiel, folgte ein Augenrollen und etwas in Richtung "Schätzchen, ich kenne mich aus und dieser Schnitt steht ihr nun überhaupt nicht". Anfangs war es mir etwas peinlich und ich raunte ihm zu, er soll sich doch bitte etwas zurücknehmen. Aber offenbar war es für die Verkäuferin gar kein Problem und sie kümmerte sich stundenlang ausschliesslich um Mio und mich. Das war eine der lustigsten und produktivsten Shopping-Tage meines ganzen Lebens und die Verkäuferin wurde von mir auch reichlich belohnt, indem ich umgerechnet über 1000 Euro liegen gelassen habe. Aber hey, ich hatte mich da grade frisch von Ashif getrennt und da kann man sich ja mal was gönnen. Mio zumindest verstand das absolut. Er kaufte sich an dem Tag ein paar Schuhe, um nicht völlig leer auszugehen.


Ein paar Tage später sassen wir auf der Terrasse, beide für sich am Handy. Irgendwann streckte er mir sein Handy entgegen und zeigte mir ein Bild eines Mannes. "Wie findest du den?", fragte er mich. "Wer ist das?", antwortete ich. "Keine Ahnung. Ein schwuler Typ. Das ist meine Dating-App. Sie zeigt dir alle User im Umkreis von einigen hundert Metern und wenn du einen toll findest, schreibst du ihn an und triffst ihn zum vögeln", erklärte er in einem Tonfall, als würde er mir grade erklären, dass drei plus drei sechs gibt. "Ihr habt ne eigene Bums-App nur fürs Vögeln?", war meine ungläubige Antwort. "Klar. Oh schau, hier ist noch einer. Ach das ist der Architekt von 29b. Hübsch, was?" In der Tat - sehr hübsch. Und mir fiel die Kinnlade runter, weil ich den kannte und mein Schwulen-Radar mal wieder total versagt hat. Der war so verdammt gut aussehend. Typisch.

"Und nutzen alle Männer die App wie du? Also ich meine, sucht man darüber keine Partner zum richtig daten sondern nur für Sex?", fragte ich ihn. "Du kannst auch richtig daten aber dann schreibst du das in dein Profil", meinte er und zeigte mir zur Veranschaulichung ein Profil eines Mannes. Da standen Dinge wie "Devoter Part", "Diskret", "30cm plus". Auf meine Frage hin, ob das alles das bedeutet, was ich denke antwortete er lachend: "Ja. Den muss man rannehmen und wahrscheinlich hat er eine Frau oder Freundin, deshalb muss man sich diskret treffen. Und mit einer Penisgrösse von weniger als 30 cm muss man bei dem gar nicht ankommen." Aha, interessant. "Wie kommst du darauf, dass er eine Frau oder Freundin hat? Vielleicht will er sich einfach nicht vor der ganzen Welt outen", warf ich ein.

"Ach was, du wärst erstaunt wie viele Männer verheiratet sind und Kinder haben und sich dann heimlich mit schwulen Männern treffen. Ihre Frauen haben keine Ahnung davon. Ich sehe jede Woche Dutzende von denen. Mit einem habe ich mal über die App gechattet und er antwortete, er sei grade mit seiner Frau am Einkaufen, er hätte aber in so circa drei Stunden Zeit. Habe ihn später getroffen und ordentlich durchgenudelt", konterte er. "Also hast du überhaupt kein Problem damit, dass er seine Frau mit dir betrügt?", fragte ich ihn ungläubig. Für mich wäre es undenkbar, einfach nur ein Seitensprung zu sein. "Nein wieso? Es geht ja nicht um Liebe, sondern nur um Sex. Und ganz offensichtlich kann seine Frau ihm nicht geben, was er will. Sonst wäre er ja nicht hier auf dieser App zu finden", antwortete Mio und wedelte vielsagend mit seinem Handy vor meinem Gesicht. Um ganz ehrlich zu sein: Ich kam mir in dem Moment wieder vor wie 11, als man mich das erste mal aufklärte. Das war alles eine komplett neue Welt für mich und irgendwie schämte ich mich dafür, mich nicht schon früher mal mit dem Thema Homosexualität richtig auseinandergesetzt zu haben. Schliesslich ist es offenbar allgegenwärtig (sogar bei Hetero-Männern), nur wissen wir es nicht. Das ist wie bei Harry Potter und den Muggeln. Und ich bin ein heterosexueller Muggel, der gerade erfährt, dass es eine sexerfüllte Zaubererwelt gibt. Wollte mir aber nichts anmerken lassen und nickte nur wissend. "Und was ist das mit dem devoten Part?", wollte ich wissen.

"Es gibt Männer die sind dominant und wollen die anderen rannehmen. Und es gibt die devoten, unterwürfigen Männer. Die wollen dominiert werden. Und die devoten Männer sind oft auch die, die gevögelt werden wollen, allerdings selber nicht gerne andere vögeln", erklärte er. "Aha. Und was bist du?", fragte ich ihn und wartete gespannt auf seine Reaktion. Zweifellos im Glauben, dass ich ihn aus dem Konzept bringe. "Devot", war seine blitzschnelle Antwort. "Allerdings kann ich auch so richtig austeilen wenn der andere das will. Habe ja die komplette Bandbreite an Spielzeug da", grinste er. "Ja ok, ich weiss was du meinst. Aber apropos Spielzeuge, die du hier hast. Die hast du hier. Ich habe seitdem ich hier eingezogen bin noch keinen Mann gesehen. Sag mir bitte wenn ich mich verkrümeln soll, ich kann mich schon ein paar Stunden beschäftigen", bot ich ihm mit einem wissenden Grinsen an. "Nee schon ok. Ich lade niemals irgendwelche Männer zu mir nach Hause ein. Erst, wenn ich sie wirklich wiedersehen will und wenn ich ihnen vertraue", winkte er ab. "Sonst stalken die mich im schlimmsten Fall wenn die wissen wo ich wohne".

"Ok und wo trefft ihr euch dann? Bei den anderen Männern zu Hause?", wollte ich wissen. "Kaum. Wir treffen uns an verschiedenen Orten. Raststätten, leeren Parkplätzen, Waldstücken. Es gibt massig Orte, von denen ihr Heteros keine Ahnung habt. Die LKW Fahrer aber schon", erklärte er mit einem vielsagenden Augenbrauen-Wackler. "LKW Fahrer?! Sag bloss. Die sind doch immer so bärig und männlich und so gar nicht schwul", stellte ich erstaunt fest. "Was denkst du denn?", entrüstete sich Mio. "Auch wir haben männliche und weibliche Parts in der Beziehung. Und LKW Fahrer sind oft die männlichen Parts aber bei weitem nicht immer. Auf jeden Fall ist es praktisch, wenn man jeden Tag einen neuen Kerl trifft, der dann schnell wieder aus dem Land verschwindet. Das schafft eine gute Abwechslung". Ich nickte und fragte mich, wieso ich mich jemals in meinem Leben als Schlampe gefühlt habe. Mio's Erzählungen zufolge vögelte er im Monat mehr Männer als ich in meinem ganzen Leben jemals rangelassen habe.

"Und wie läuft das so ab wenn du bei so einem leeren Parkplatz oder einer Raststätte bist?", wollte ich wissen.

"Meistens laufe ich auf dem Parkplatz rum und wenn ich einen süssen Typen sehe, machen wir uns ein Zeichen und wenn er auch interessiert ist, gehen wir vögeln. Manchmal haben wir Sex, manchmal gibt es aber auch nur oral. Manchmal winke ich dann aber ab wenn er die Hosen runterlässt. Ich hatte vor ein paar Wochen einen Typen, der hatte einen Penis so gross wie mein kleiner Finger. Was soll ich bitte damit anstellen?!", entrüstete er sich.

"Wie bitte, du hast ihn wegen seines kleinen Penisses einfach weggeschickt?", ich war sehr überrascht. Armer Kerl, das muss ja richtig gesessen haben. "Ja klar. Wenn's nicht passt, dann passt's nicht. Meiner ist nicht grade klein und auch ich wurde schon stehen gelassen weil er zu klein war. Das läuft einfach so, wir sind ja auf der Suche nach Sex und wenn man mit dem Typen und seiner Ausstattung nicht arbeiten kann, dann sucht man sich eben ein neues Werkzeug", erklärte er schulterzuckend. "Ich stehe auf der Gerät, nicht die Gerät." Zur Veranschaulichung zeigte er erst einen halben Meter, danach den kleinen Finger. Sehr bildhaft.


Später liess ich das Gespräch und die von Mio erhaltenen Informationen noch einmal Revue passieren. Ich dachte an den armen Kerl mit dem kleinen Penis und Mio's brutal ehrliche Reaktion darauf. Nach längerem Nachdenken fiel mir aber auf, dass was auf den ersten Blick total oberflächlich erscheint, eigentlich sogar ziemlich vernünftig ist. Ich meine, wenn man doch auf der Suche nach einer grossen Gabel ist, was will man da mit einem kleinen Löffel? Die brutal ehrliche Art und Weise hat etwas sehr Unkonventionelles und auch wir Heteros täten gut daran, uns davon eine Scheibe abzuschneiden. Ich war selber schon mehr als einmal in der Lage, dass ich mit einem Typen im Bett war und dann gelinde gesagt, etwas enttäuscht über sein bestes Stück war. Ihm dann aber zu sagen, dass das nix werden kann und er jetzt doch besser wieder gehen soll kam mir dann aber doch zu oberflächlich und gemein vor. Aber eigentlich wäre es ihm gegenüber fairer gewesen, als es einfach rasch hinter mich zu bringen.

Ich teilte Mio am nächsten Tag meine Gedankengänge mit und zu meinem Erstaunen verfinsterte sich seine Mine. "Ja, wir sind sehr ehrlich und offen. Allerdings ist der Haken daran, dass man selten jemanden trifft, der einem wirklich gefällt und mit dem man sich eine Beziehung vorstellen kann. Und wenn, dann muss er auch noch so empfinden und zu seiner Homosexualität stehen, ansonsten wird das nix. Die Schwulenszene ist, wenn es um Sex geht, sehr unkompliziert. Beziehungen sind da eher schwierig. Vorallem weil die guten Männer schon in Beziehungen stecken. Entweder gleichgeschlechtlich oder mit ihren Frauen oder Freundinnen. Es ist echt schwer jemanden kennen zu lernen", erklärte er.


Das liess mich nachdenken. Auf der einen Seite sind schwule Männer Sex gegenüber total aufgeschlossen und offen und sagen sich knallhart ins Gesicht, wenn sie optisch nach was anderem auf der Suche sind. Was ja im Grunde genommen völlig ok ist und wovon wir Heteros durchaus etwas lernen könnten. Dann gibt es aber auch die Kehrseite der unkonventionellen Ehrlichkeit. Wenn alle problemlos für Sex zu haben und wegen Oberflächlichkeiten so direkt zueinander sind, wie findet man dann den Partner fürs Leben? Liebe auf den ersten Blick gibt es sicherlich aber irgendwie scheint mir das dann doch ziemlich abwegig zu sein. Es kommt mir sogar so vor, als dass die Welten hier total gegensätzlich sind. Heteros halten sich eher bedeckt wenn es darum geht, sich sexuell offen auszuleben. Wenn es um Beziehungen geht, sind wir Heteros dann aber doch eher unkompliziert. Man kann fast überall einen brauchbaren Single-Partner finden, sei es beim Job, im Zug, im Fitness oder beim Ausüben seines Hobbies. Bei schwulen Männern ist es umgekehrt. Sex kriegt man einfach und lebt genau das aus, was man will. Beziehung? Hmm... Erschwerend kommt dann natürlich noch bei den schwulen Männern hinzu, dass sie Konkurrenz von anderen Männern und Frauen kriegen, da viele Männer offenbar bisexuell sind, es sich aber nicht eingestehen oder sich einfach nicht outen wollen. Und auch für schwule Männer ist es nicht immer einfach, rauszufinden, ob ihr Gegenüber dieselben sexuellen Neigungen hat oder doch einfach nur heterosexuell ist. Das macht es natürlich auch nicht einfacher. Alles in allem ein ziemlich hartes Pflaster.


Wenn wir das jetzt auf die Heterowelt übertragen würden, würde das funktionieren und was könnten wir daraus lernen? Etwas mehr Offenheit zum Thema Sex wäre durchaus keine schlechte Idee. Ich will gar nicht wissen, wie viele Männer und Frauen in Beziehungen stecken und auch nach Jahren ihrem Partner nicht mitteilen wollen oder können, worauf sie eigentlich insgeheim wirklich stehen. Wir haben doch alle irgendwo verborgen irgendeinen Fetisch. Schwule Männer haben das erkannt und leben sich sexuell komplett offen aus. Und wieso auch nicht? Was im Schlafzimmer (oder auf Raststätten) passiert, geht ja nur die Akteure was an. Und wenn man seinem Partner vertraut, wieso sollte man sich dann nicht komplett offen zeigen und auch mal neue Dinge ausprobieren? Also ich sehe hier eigentlich gar kein Problem und es würde uns sogar gut tun.

Und was ist mit dem Single-Markt? Mehr Ehrlichkeit würde uns Heteros da auch nicht schaden. Stichwort "Bringen wir es einfach hinter uns". Aber in dieser Hinsicht wird es schon etwas kritischer: Wenn man zu anderen komplett ehrlich ist, muss man selber natürlich auch damit rechnen, auch mal ein ziemlich offenes "nein" zu ernten. Und in der Schwulenszene wird nichts in schöne Worte verpackt, da kommt einfach die total ehrliche Meinung.

Ich bin mir da gar nicht so sicher, ob das bei Frauen gut ankäme. Man stelle sich mal als Frau vor, dass der Gentleman, den man gerade kennen gelernt und mit dem man sich eine Beziehung vorstellen kann einem ins Gesicht sagt: "Nee also Körbchengrösse C ist viel zu klein und ausserdem sind mir deine Hüften zu speckig. Und nebenbei habe ich bereits einen Freund, sorry." Autsch. Aber auf der anderen Seite wissen dann beide woran sie sind und viele Frauen würden sich durchheulte Nächte ersparen, weil sie insgeheim hoffen, doch noch mit ihrem bereits verlorenen Traummann zusammen zu kommen. Wenn man sich offen und ehrlich die Meinung sagt, bleibt auch kein Spielraum für "vielleicht könnte es ja doch noch klappen".


Rollenspiele, Krankheiten und Darmspülungen

Die kommenden Monate, die ich mit Mio zusammen verbrachte, waren einfach nur lustig. Wir machten uns teilweise einen Spass draus, zusammen Männer über seine Dating-App zu suchen und mussten bald feststellen, dass unsere Geschmäcker wirklich sehr weit voneinander entfernt liegen. Einen fanden wir aber beide toll. Gross, bärtig, ein richtiger Mann. Mio lachte und erklärte mir, dass er sich schon einige Male mit diesem Mann getroffen hätte. Er sei ein Major in der Armee mit einer Neigung für Rollenspiele. "Oh Herr Major, ich habe ein Loch in meiner Hose", ahmte Mio seinen Part des Rollenspiels nach. Nach einem kurzen Augenblick der absoluten Fassungslosigkeit prustete ich mein ganzes Getränk über den Tisch. Wir haben in diesem Moment Tränen gelacht. Ich fragte ihn, ob es solche Vorlieben wie Rollenspiele oft gäbe. "Na klar. Wenn du wüsstest wie viele LKW Fahrer ihre eigenen Perücken und Frauenklamotten dabei haben. Fesselspiele stehen auch ganz hoch im Kurs und gegen Natursekt haben einige auch nichts einzuwenden", klärte er mich grinsend auf. "Ach du Scheisse, so genau wollte ich es jetzt auch nicht wissen", gab ich zurück. Ich kam mir mehr und mehr wie ein prüdes 13-jähriges Mädchen vor. "Wie jetzt, hast du noch nie gemacht? Naja, ist nicht für jedermann. Aber eine Liebesschaukel hast du doch sicher schon mal ausprobiert?", wollte er von mir wissen. Ich verneinte. Obwohl ich das wirklich mal gerne probieren würde. Allerdings habe ich keine Lust meine Wand im Schlafzimmer mit einem fetten Haken zu versauen, der dann im schlimmsten Fall rausploppt, während ich in dieser Schaukel festhänge. Und ich ziehe solche Unfälle magisch an, also nein danke.

"Na macht nix, du wirst auch noch deine Erfahrungen machen", meinte er gönnerhaft und tätschelte mir den Kopf. "Also so ganz ohne Erfahrungen bin ich nun auch nicht. Auch ich hatte schon einige Männer", konterte ich und schob seine Hand weg. Frechheit.

Er grinste und zeigte mir mit ausladender Geste eine Schachtel mit Kondomen. Darin lagen locker 200 Stück. Und er informierte mich, dass er nochmal mindestens 50 Stück in seinem Auto versteckt hätte. "Die brauche ich innert einigen Monaten auf. Also ich meine alle. Ich habe ein Kondom-Abo, die kriege ich alle paar Monate zu Hunderten", erklärte er und zwinkerte mich an. "Ich gratuliere, du bist ein Karnickel. Aber wenigstens eines, das verhütet", nun war ich an der Reihe mit Kopfgetätschel. "Oh glaub mir, ich bin sehr vernünftig. Und ich mache alle paar Wochen einen HIV-Test. Als Schwuler muss man wirklich vorsichtig sein, auch wenn sich einige Männer nicht dran halten und ihre Ladung einfach ohne Vorwarnung in deinem Mund verschiessen. Das gibt dann immer mächtig Ärger", erwiderte er. Dass er dieses Thema so ernst nimmt, fand ich durchaus sehr vernünftig. Wir Frauen machen uns Sorgen, dass wir schwanger werden ohne Verhütung. An Geschlechtskrankheiten verschwenden wir oft gar keinen Gedanken, vorallem wenn wir ja sowieso die Pille nehmen. Ich gehörte leider auch schon mehr als einmal in diese Kategorie bescheuerter Damen, habe mir bisher aber zum Glück noch nie etwas eingefangen.

"Aber wenn du Oralsex hast, wird er ja wohl kein Kondom überziehen, oder?", fragte ich und hoffte, dass die Antwort nein ist. Das wäre ja schon ziemlich eklig. "Nein. Aber wenn Männer gerade erst einen HIV-Test gemacht haben und wenn wir beide erwiesenermassen sauber sind, dann heisst es Bühne frei für das Blasorchester! Trotzdem mag ich es nicht, wenn einer mir einfach ohne Vorwarnung ne Ladung reinschiesst. Die meisten sind nicht zimperlich und ich habe einen ziemlich dollen Würgereflex", erläuterte er. Jetzt war es an mir, frech zu grinsen. "Würgereflex? Bist du Anfänger oder was? Mach einfach deinen Hals lang und halt die Luft an, dann kriegst du es ohne hin." Mio nickte anerkennend und versprach, es beim nächsten süssen sauberen Mann auszuprobieren. Resultat: Er brachte es nicht auf die Reihe. Und ich hab ihm den Kopf getätschelt und gesagt "Macht nichts. Auch du wirst deine Erfahrungen noch machen." Er verstand den dezenten Seitenhieb und erwiderte ausnahmsweise mal nichts.


Irgendwann kam mir etwas in den Sinn, das ich ihn noch nicht gefragt hatte. "Wie kommt

es, dass Männer sich gegenseitig ihre besten Stücke in den Po stecken können und absolut kein Problem mit eventuellen Gerüchen und Stückchen haben, während die selben Männer fast kotzen, wenn sie eine Babywindel wechseln müssen?" Im ersten Moment starrte er mich völlig verständnislos an. "Na, wir haben keine Stückchen und Gerüche", kam die pikierte Antwort. "Wie jetzt, ihr scheisst Rosenblätter oder was?", war mein sehr geistreicher Konter. "Nein, wir legen viel Wert auf Hygiene. Also nicht alle. Ich hatte auch schon welche, die das nicht so genau nahmen. Die waren dann auch schnell wieder weg. Aber ich mache zum Beispiel jede Woche einmal eine Darmspülung", sagte Mio. "Eine Darmspülung? Einmal die Woche? Ich hab das noch nie gemacht, stelle mir das aber ziemlich ähm unangenehm vor", rümpfte ich die Nase. "Nee, das geht ganz einfach. Das mache ich unter der Dusche und lasse mir einfach über den Duschkopf ein paar Liter Wasser hinten reinlaufen. Das spült dann komplett durch, ich lasse es wieder rauslaufen und mein Darm ist dann sauber wie ein Baby Popo. Das ist gesund und auch unheimlich wichtig wegen den Bakterien im Darm. Die verursachen nämlich Blasenentzündung", fachsimpelte er.

Meine Güte, woran man in der Schwulenszene alles denken muss. Da bin ich schon froh dass meine Schatztruhe theoretisch allzeit bereit ist und ich mir lediglich Gedanken zu machen brauche, wann genau mein letzter Haarschnitt da unten war. Dass ich hier zu der ziemlich faulen Sorte gehöre habe ich in meinem Post Jetzt wird's haarig schon dezent erörtert.

"Ok und was ist mit den LKW Fahrern, die tagelang unterwegs sind und sich sehr wahrscheinlich nicht irgendwo im Spa mal kurz eine Darmspülung erlauben können?", fragte ich ihn. "Die dürfen dann bei mir ran aber ich halte mich fern von ihrem Allerwertesten. Das wäre ja noch besser, igitt", rümpfte er die Nase.

Ich halte also fest: Es ist absolut nichts dabei, sich eine riesige Sexspielzeug Armee aufzustellen, sich gegenseitig oral zu befriedigen und sich die wildesten Dinge in den Allerwertesten zu stecken. Aber wehe, der andere hat keine Wildwasserbahn aus seinem Darm gezaubert, das geht dann nun wirklich zu weit.

"Ach Mio, du bist und bleibst der beste Mann, den ich jemals in meinem Leben getroffen habe. Wärst du nicht schwul, würde ich dich heiraten", sagte ich ihm und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange. Er wurde zu meinem Entzücken ganz rot und grinste mich verlegen an. "Da fehlt ein wichtiger Teil. Du weisst ja, ich stehe auf der Gerät, da kannst du trotz deinem phänomenalen Hinterteil nicht mithalten." Hach, er weiss einfach immer was er sagen muss. Mein Hinterteil ist tatsächlich phänomenal.


Fassen wir also mal die Erkenntnisse zusammen. Schwule Männer sind brutal ehrlich wenn sie auf der Suche nach Sex sind. Oberflächlichkeit gehört da schon zur Tagesordnung. Man lernt sich über Apps kennen, trifft sich heimlich auf irgendwelchen ominösen Parkplätzen oder Raststätten und gibt sich geheime Zeichen um das Sex-Potential zu erschliessen. Es ist keine Seltenheit, dass schwule Männer mit Heterofrauen eine Beziehung oder sogar eine Ehe führen und ihre Homosexualität heimlich ausleben. Sexspielzeug, Rollenspiele und spezielle Neigungen sind nicht tabu sondern normal. Man geht mit der eigenen Sexualität und derjenigen der Partner sehr offen um. Es gibt devote und dominante Männer, so wie es weibliche und männliche Parts in Beziehungen gibt. Hygiene und Gesundheit sind für die meisten Männer sehr wichtig und sie achten penibel darauf. HIV Tests werden oft regelmässig durchgeführt und wenn ein Mann keinen vorweisen kann, gibt es keinen ungeschützten Sex. Zumindest ist das so bei den vernünftigen Männern.


Was bitteschön sollte an so einem Leben verkehrt sein? Ok, das mit den Seitensprüngen ist nicht grade prickelnd. Aber das wird wohl auch dem Umstand geschuldet sein, dass diese Männer Angst davor haben, sich offiziell zu outen und ihre Familie unter Umständen komplett zerstören. Wenn man das mit in die Überlegung einbezieht, finde ich die Gegebenheiten in der Schwulenszene eigentlich ganz gesund und schön. Die Männer wissen genau was sie wollen und worauf sie stehen. Und sie haben keine Mühe das zu kriegen, wenn nicht von Mr. A, dann eben von Mr. B. Wen juckt's. Es geht ja nur um Sex. Einzig, wenn es darum geht, einen Partner für eine langfristige Beziehung zu finden wird es knifflig. Da haben wir Heteros wiederum einen Vorteil. Allerdings auch nur bis zu einem gewissen Alter. Mit Anfang / Mitte Dreissig ist der Single-Markt schon viel spärlicher bestückt und die guten Männer und Frauen sind entweder verheiratet, vergeben oder haben schon Kinder. Nichts gegen Kinder aber es kann mühsam und sehr ungewohnt sein, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten, da mein Freund auch eine kleine Tochter hat.


Ich für meinen Teil bin wirklich froh, dass ich 8 Monate mit Mio zusammen gewohnt habe. Diese Erfahrung würde ich für nichts in der Welt hergeben wollen und natürlich pflegen wir auch weiterhin den engen Kontakt. Ich habe sehr viel durch Mio dazugelernt, bin viel offener geworden und habe mir das erste Mal so richtig ernsthafte Gedanken über Homosexualität und die Menschen dahinter gemacht. Ausserdem liebe ich es, mit Mio abzuhängen und seinen viel zu detaillierten Geschichten zu lauschen und mir einen Schranz zu lachen. Seine Lebensfreude und Offenheit sind sehr ansteckend und ich wünsche ihm und allen anderen homosexuellen Männern und Frauen wirklich nur das Beste. Bleibt wir ihr seid, denn so seid ihr toll.

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