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Alles Gute zum Muttertag?

Heute ist Muttertag. Der Tag, an dem man der eigenen Mutter seine Dankbarkeit für sein Leben erweist, anerkennt was sie alles für einen getan hat und sich rührselig an all die Momente erinnert, an denen sie für einen da war. Die guten Kinder bringen Frühstück ans Bett und verwöhnen die Mama an diesem einen Tag im Jahr von vorne bis hinten. Und auch wenn dieser Tag (ähnlich wie Valentinstag) eine wahre Goldgrube die Blumen- und Schokoladenindustrie ist, ist das ja eine sehr schöne Idee und daran gibt es eigentlich nichts auszusetzen. Eigentlich. Es mag ja für viele Leute ein absolutes Novum sein aber nicht alle Mütter sind aufopfernd, liebevoll, herzlich und immer für ihre Kinder da. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass ich meine eigene Mutter den Hausdrachen nenne. Versteh mich nicht falsch, ich bin durchaus dankbar dafür, dass sie mich auf die Welt gebracht hat. Aber muss ich mich tatsächlich einmal im Jahr bei ihr dafür bedanken, dass sie damals mit 19 kein Kondom benutzt und statt zu vögeln nicht ins Kino gegangen ist? Sie hat mich mit 20 auf die Welt gebracht, hochschwanger im Sommer 1988 geheiratet und mir mein ganzes Leben lang erzählt, ich sei ein Wunschkind gewesen. Klar.

Mein Bruder folgte knapp 4 Jahre später. Und danach ging's bergab. Mein Vater geriet an falsche Freunde, aus dem gelegentlichen Kiffen wurde Koks, danach Heroin und seine Spielsucht war für die junge Familie auch nicht grade förderlich. Geld war keines mehr da, meine Mom musste zwei Jobs annehmen und uns Kinder auf Arbeit mitnehmen, weil sie sich keinen Babysitter leisten konnte. Weitere Familienmitglieder, die ihr helfen konnten oder wollten hatten wir nicht. Wir zogen alle paar Monate um, spätestens aber nach anderthalb Jahren. Meine Mutter trennte sich einige Jahre später von Papa, die Scheidung folgte, mein Vater wollte es nicht einsehen und drangsalierte sie, setzte mich als Waffe gegen sie ein weil er genau wusste, dass ich ihm absolut alles glauben würde, was er mir sagen würde. Er war mein Held und ich etwa 7 oder 8 Jahre alt. Er sagte mir, dass meine Mutter ihn schlecht behandeln würde und dass sie gemein zu ihm war. Ich trug es nach Hause und setzte ihr deswegen zu. Nicht selten haben wir deswegen gestritten. Und wenn wir nicht über ihn sprachen, hiess es zu Hause immer nur "Arbeit Arbeit Arbeit und Geld Geld Geld". Ich musste viel im Haushalt helfen, auf meinen kleinen Bruder aufpassen, für ihn kochen, ihn pflegen wenn er krank und wenn Mutter nachts auf Arbeit war. Mit 7 Jahren wusste ich, dass man bei Husten am besten Milch mit etwas Honig aufkocht und dass man bei Unwohlsein einen Kamillentee machen soll. Und mein kleiner Bruder brauchte viel Aufmerksamkeit, hatte er doch auch noch das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Bei Papa konnte ich alle zwei Wochenenden einfach nur Kind sein. Er war daher mein grosser Held, er liebte mich über alles und ich ihn. Er nahm mich in den Arm, tröstete mich wenn ich traurig war und bei ihm drehte sich ausnahmsweise mal nicht alles um meinen kleinen Bruder sondern um mich.

Mutter lernte einen neuen Mann kennen, als ich 8 oder 9 war. Roman. Ein guter Kerl, nett, sympatisch, hat ein gutes Herz. Aber er ist nicht Papa. Also blieb ich auf Abstand und freute mich auf meine zweiwöchentlichen Wiedersehen mit meinem Vater. Eines Tages riefen Mutter und Roman meinen Bruder und mich ins Wohnzimmer. Ich kann mich noch gut an das blaue Sofa erinnern, die Chipstüte auf dem Tisch und wie ich dachte "Oh Gott, jetzt sagt sie uns, dass sie schwanger ist. Toll". Ich war damals 9. Mutter sah uns an, schüttelte den Kopf und sagte, dass sie das nicht könne. Roman übernahm. "Lilly, Michael, wir haben leider keine sehr gute Nachricht. Martin, euer Papa ist gestern Nacht gestorben." Meine Reaktion war, dass ich nickte, aufstand und in das gemeinsame Zimmer von mir und Michael ging. Ich realisierte, dass ich ihn niemals wiedersehen würde und dass ich ab jetzt nur mit Mutter Vorlieb nehmen müsste. Ok und Roman, was ein Lichtblick war. Aber mein Papa war nicht mehr da. Er würde mich nicht mehr tröstend in den Arm nehmen, er würde mich nicht mehr als seine kleine Prinzessin bezeichnen, er würde mir nicht mehr alle zwei Wochen eine Auszeit von meiner ständigen Leistungspflicht geben. Und die letzte Erinnerung an ihn war das Wiedersehen von vor knapp 2 Wochen. Als ich ihn kaum wiedererkannt hatte, weil er abgemagert wie ein Skelett mit dunklen Augenringen in der Wohnungstür gestanden hatte. Erst als er die Arme ausgebreitet und sein übliches freches Grinsen aufgesetzt hatte, hatte ich ihn erkannt und war ihm freudig entgegengelaufen. Ich erfuhr später, dass er an einer Überdosis Heroin gestorben ist. Ich weiss nicht, ob ich geweint habe. Ich bin auf jeden Fall am nächsten Tag normal zur Schule gegangen, als wäre nichts passiert. Meine Mutter ist keine Person, mit der man über Gefühle spricht, Roman war zwar nett aber noch zu neu in meinem Leben und einen richtigen Freundeskreis hatte ich nicht, dank den permanenten Wohnungs- und Ortswechseln. Ich musste also wie üblich selber mit meinen Problemen klar kommen. Und von Papas Adoptiveltern wurde uns die Teilnahme an der Beerdigung anscheinend verweigert. Das hat mir Mutter Jahre später erzählt. Keine Ahnung ob das stimmt. Mit 9 hatte ich keine Ahnung, dass man vom toten Vater an einer Beerdigung Abschied nehmen kann. Ich ging einfach davon aus, dass wir jetzt damit leben müssen und vonseiten Mutter kam ja auch keine Information bezüglich Beerdigung oder Abschied. Und übrigens habe ich Jahre später nach vielen Nachforschungen festgestellt, dass mein Vater nicht einmal ein eigenes Grab bekommen hat. Man hat ihn damals einfach verbrannt und in ein Massengrab zusammen mit anderen namenlosen toten Menschen gesteckt. Wo sich genau dieses Grab befindet, weiss ich bis heute nicht. Papas Adoptiveltern wollten wohl einfach kein unnötiges Geld für einen nutzlosen Junkie ausgeben. Das setzt mir heute noch zu. Wäre ich doch damals nur älter gewesen...


Roman blieb bei uns und kümmerte sich ab da in jeder Hinsicht um unsere kaputte kleine Familie. Wir fanden ein Haus, zogen alle zusammen dorthin und schafften es sogar, einige Jahre dort zu wohnen. Ich konnte das erste mal in meinem Leben einen Freundeskreis aufbauen, was mir unglaublich half, mit meinem Leben mal einigermassen klar zu kommen. Erst als Mutter und Roman einige Jahre später ein Eigenheim bauten, zogen wir um. Zu dieser Zeit war ich bereits in meiner Berufsausbildung. Mit Mutter lief es gar nicht gut. Sie hatte ihren Fokus nach wie vor auf meinem kleinen Bruder und seinem ADS. "Bei Lilly müssen wir uns ja Gott sei Dank keine Sorgen um Schulnoten machen, die steckt ihre Nase ja tagein tagaus in Bücher und ist gut in der Schule", hörte ich Mutter immer mal wieder prahlen. Dass ich von ihr aber gerne ab und zu mal ein "Gut gemacht" oder ein Wort der Dankbarkeit für meine zwangsläufig aufgegebene Kindheit gehört hätte, merkte sie nicht. Auch nicht, dass mir jeden Tag schmerzlich vor Augen geführt wurde, wie liebevoll sie sein kann, wenn sie denn nur will. Um Michael hat sie sich immer sehr intensiv gekümmert und schenkte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. Mir fehlten mütterliche Gefühle, indem sie mich auch mal in den Arm genommen und zu verstehen gegeben hätte "Hier bist du sicher, ich pass auf dich auf". Ihre Message an mich war immer dieselbe "Lerne auf dich selber aufzupassen, im Leben wird dir nichts geschenkt." Was ja auch stimmt, nur hätte ich das zu gerne wie alle anderen normalen Menschen später erfahren, wenn ich das erste Mal ungerechtfertigt eine Mahnung kassiere.

Sie liess mir viele Freiheiten, dafür bin ich ihr dankbar. Sie machte mir zum Beispiel keine Szene, als ich meinen ersten richtigen Freund Marco nach Hause nahm und er bei mir übernachtete. Klar, sie hielt mir den üblichen Verhütungs-Vortrag ab aber sie konnte mir ja keine Angst machen mit ihrer so jungen Mutterschaft, war ich doch angeblich ein Wunschkind. Aber abgesehen davon stritten Mutter und ich uns jedes Mal, wenn wir miteinander zu tun hatten. Und als ich älter wurde, wurde es täglich nur noch schlimmer. Bei meiner Schulabschlussfeier nahm ich mein Abschlusszeugnis entgegen und war komplett baff als ich meinen Notenschnitt sah. Ich hatte mein Ziel erreicht und ich konnte studieren, die Noten reichten aus! Ich ging freudig von der Bühne und direkt zu meiner Mutter und Roman, die etwas abseits standen und brav klatschten. "Ich habe meinen Schnitt, ich kann studieren", rief ich freudig und wedelte mit dem Zeugnis. "Wie meinst du das, studieren?", kam die ungläubige Antwort meiner Mutter. "Na schau, ich habe den geforderten Notendurchschnitt", antworte ich freudig. Ihre lautstarke Reaktion in diesem Moment werde ich ihr absolut niemals in meinem Leben vergessen oder verzeihen: "Kommt gar nicht in Frage. Du hast eine Lehrstelle, junge Dame, und die wirst du auch antreten. Das wäre ja noch schöner wenn du jetzt anfängst zu studieren und uns bis 30 auf der Tasche liegst."

Das waren ihre genauen Worte, während meiner Abschlussfeier und vor sämtlichen Freunden, deren Eltern und allen Lehrpersonen. Alle haben es gehört und haben sich peinlich berührt abgewandt. Diese Worte waren gleich einer Ohrfeige für mich und ich fügte mich beschämt meinem Schicksal und trat die Lehrstelle brav an. Sie hatte durchaus Recht, eine Ausbildung zu beginnen war im Nachhinein die beste Entscheidung meines Lebens. Aber die Art und Weise wie sie es mir vermittelte, war einfach ein weiteres Glied in der langen Kette der unsensiblen Sprüche, der unterschwelligen Mitteilung dass ich ihn ihrem Leben eigentlich nicht erwünscht bin und sie störe. Und mit der Zeit fing ich an, mir das nicht mehr gefallen zu lassen. Ich wurde aufsässig, habe mit "nein" geantwortet, weigerte mich nach einem Tag in der Berufsschule oder im Job nach Hause zu kommen und als erstes mal den Staubsauger in die Hand gedrückt zu kriegen, weil ich schon lange nichts mehr im Haushalt geholfen hätte und jetzt bitte das komplette dreistöckige Haus putzen sollte. Wir stritten uns non-stop. Und sie hat oft die Mitleidskarte ausgespielt. Wenn ich zum Beispiel nein zum Staubsaugen sagte, setzte sie die verletzte Mine auf und sagte Dinge wie "Ich muss hier wirklich alles alleine machen, ich bekomme nicht mal von meiner ältesten Tochter etwas Unterstützung. Dann mache ich es eben alleine." Und ich wurde eine Zeit lang immer weich und half ihr deswegen. Als die Mitleidstour bei mir nicht mehr funktionierte, kam sie mit Strenge daher. Und jedes Mal wenn ich anfing mit ihr zu diskutieren, ging es keine Minute und sie holte Roman zum Gespräch dazu weil sie mir alleine nicht gewachsen war. Zwei Erwachsene, die auf einem Teenager rumhacken, Gratulation Mutter. Und jedes Mal wenn sie rief "Schaahaaatz deine Tochter macht mal wieder Ärger", wollte ich ihr ins Gesicht fauchen, dass ich nicht seine Tochter bin. Aber ich wollte Roman nicht verletzen. Er war mir tatsächlich ein Vater geworden, auch wenn ich ihn niemals mit Papa ansprach. Er war für uns da, hat uns auf die Beine geholfen und wenn ich ein Problem hatte, konnte ich mich an ihn wenden. Er hat mir immer zugehört. Deshalb habe ich Mutter aus Respekt vor ihm nicht einmal vorgeworfen, dass sie meinen Vater offenbar wie alle anderen einfach unter den Teppich gekehrt, einfach in ein Grab der namenlosen Toten verbannt hat.

Versteh mich nicht falsch, wir hatten auch gute Tage und wir machten auch ab und zu einen gemeinsamen Familienurlaub. Und mein zweiter Bruder Simon kam auch noch dazu. Ein Baby brachte eine gewisse Entspannung, weil Mutter dadurch komplett von ihrem auf-Lilly-Rumhacken abgelenkt war. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich ab und an eifersüchtig auf das kleine Baby war. Meine Mutter kümmerte sich um ihn, knuddelte ihn und sprach so liebevoll zu ihm, wie sie niemals in meinem Leben mit mir gesprochen hat. Aber ich liebe meinen kleinen Bruder und für mich wird er immer das kleine süsse Baby bleiben, auch wenn er dieses Jahr seinen Führerschein macht. Ich mache eher ihr einen Vorwurf, dass sie mich mein Leben lang auf ein Abstellgleis gestellt und vergessen hat, dass auch die ehrgeizige, fleissige und bücherverliebte Lilly Gefühle hat, dass auch sie nur geliebt werden wollte und dass auch sie ein Bedürfnis nach Geborgenheit hatte.

Ich zog mit knapp 18 und noch während meiner Ausbildung aus. Es ging einfach nicht mehr zu Hause. Wir stritten, wir schrien - die Fronten waren total verhärtet. Das Verhältnis blieb lange Zeit kalt und wir hörten uns zwei volle Jahre nicht. Blöd für mich und das Verhältnis zu meinen Geschwistern, weil ich zwischenzeitlich noch eine Schwester bekommen hatte und auch Simon wuchs schnell aber ich wollte den Drachen nicht mehr sehen. Zu viel war passiert. Nach zwei Jahren Funkstille fasste ich mir ein Herz und kontaktierte sie. Ich wollte meine Geschwister sehen und prüfen, ob es mit Mutter besser werden konnte. Konnte es. Auch wenn sie mir jahrelang bei der Begrüssung immer die Hand hingestreckt hat. Leute, die unser Verhältnis nicht kannten waren oft absolut fassungslos, dass meine eigene Mutter mich nie in den Arm nimmt. Für mich völlig normal. Als ich sie eines Tages beim Abschied versuchsweise in den Arm genommen habe, stand sie im ersten Moment stocksteif da, danach tätschelte sie mir die Schultern. Wow. Ich ging dann wieder zurück zum Händedruck, Umarmungen mit Mutter sind komisch.


Heute sehen wir uns so ungefähr einmal in Monat, manchmal öfter, manchmal weniger oft. Sie lädt mich gerne zu irgendwelchen Festen ein, an denen viele Aussenstehende sind, damit sie ihre alte Leier abziehen kann. "Das ist meine jüngste Tochter Melanie. Hier steht Simon, der bald seinen Führerschein macht. Das da ist Michael, und das", hier kommt die dramatische Vorstellung der ältesten Tochter, "ist Lilly. Sie wird dieses Jahr 32 und ich hoffe bald auf einen Enkel". Einige mögen ja denken, dass sie stolz auf mich ist und mich deshalb immer als letztes und mit viel Dramatik vorstellt. Garantiert nicht. Sie macht das, um ein Lob zu kassieren, weil sie ja so jung geblieben ist und doch schon eine so alte Tochter hat. Ich reagiere überspitzt meinst du? Weiss deine Mutter, was du beruflich machst? Interessiert sie sich für dich als Mensch? Wenn jemand meine Mutter fragt, was ihre älteste Tochter beruflich macht antwortet sie "Ach irgendwas im Büro. Und sie steckt ständig in irgendwelchen Weiterbildungen, sie war schon als Kind ein richtiger Bücherwurm." Ich habe sie zu sämtlichen Abschlussfeiern eingeladen. Als ich meinen Bachelor gemacht habe und mein Diplom entgegengenommen habe, hat mich Roman umarmt und hatte fast Tränen in den Augen. Er war stolz auf mich. Sie hingegen sagte "Und eine weitere Schule abgeschlossen, du warst schon immer sehr fleissig. Ich habe schon allen erzählt, dass wir heute hier an einer weiteren Abschlussfeier sind." Ich könnte meinen Doktor machen und sie wüsste immer noch nicht, was ich genau mache weil es sie absolut null interessiert. Egal. Danach habe ich alle zum Essen in eins der teuersten und besten Restaurants der Stadt eingeladen. Die Rechnung über knapp 700 Euro habe ich ohne Wimpernzucken beglichen und war froh um einen halbwegs normalen Verlauf des Abends. Roman bedankte sich herzlich bei mir und Mutter schreckte hoch "Oh ja. Danke".

Sie sah es schon immer als Selbstverständlichkeit an, dass sie im Mittelpunkt zu stehen hat und dass man sich ein Bein für sie ausreissen solle. An ihrem Geburtstag hat man ihr bitte anständige Geschenke zu machen. Blumen und Pralinen mag sie nicht, das ist so einfallslos. Lieber hat sie Schmuck oder diese Swarovski-Tierchen, die sie dann in ihrer kleinen Vitrine verstauben lassen kann. Ein selbstgemachtes Geschenk quittiert sie mit einem falschen Lächeln und einem flüchtigen Dankeschön. Wie oft war sie bei mir zu Hause, hat offenbar in meinem Badezimmerschrank gewühlt, kam freudestrahlend aus dem Bad und erklärte, dass das eine Parfüm in der violetten Flasche einfach fantastisch riecht. Genau das hätte sie auch gerne aber sie weiss ja nicht, wo sie das kriegt. Wie oft habe ich ihr unter Augenverdrehen erlaubt, die Flasche mitzunehmen. Und sie hat einen erlesenen Geschmack, sie zielt immer zielstrebig auf die richtig teuren Parfüms ab.

Ich weiss nicht, wann ich zum letzten Mal etwas von ihr zum Geburtstag gekriegt habe. Sie ist meist mit der ganzen übrigen Familie (ausser Michael) im Urlaub, wenn ich Geburtstag habe. Und jedes Jahr folgt von Roman eine Whatsapp, in der er mir im Namen der Familie alles Gute wünscht. Ich frage mich manchmal, ob er sich einfach eine Erinnerung im Handy gespeichert hat oder ob Mutter sich tatsächlich an meinen Geburtstag erinnert. Von ihr kommt ja keine Nachricht, geschweige denn ein Geschenk oder eine nette Geste.


Und heute ist Muttertag. Der zweite Tag im Jahr, an dem sich bitte alles um Mutter drehen soll und sie gefälligst nicht mit selbstgemachten oder billigen Geschenken wie Blumen oder Pralinen behelligt werden will. Im Jahr 2013 war ich am Muttertag in Dubai und habe ihn komplett vergessen. Das Drama, dass Mutter mir deswegen gemacht hat, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich hätte die Pflicht, wenigstens an diesem einen Tag ihm Jahr Dankbarkeit zu erweisen und sie zumindest zu kontaktieren, auch wenn ich ausnahmsweise keine Geschenke hätte.

Nun stellt sich mir wie jedes Jahr die Frage: Habe ich diese Pflicht tatsächlich? Ich bin ihr durchaus für viele Dinge dankbar. Zum Beispiel dafür, dass sie nur einen einzigen Mann nach meinem Vater mit nach Hause genommen hat und ihn später geheiratet hat. Oder dafür, dass sie mich gelehrt hat, dass das Leben nicht fair ist und man für seine Ziele kämpfen muss. Oder dass man alles auch alleine schaffen kann und niemanden sonst braucht. Oder dafür dass ich sehr gut mit Geld umgehen kann, habe ich doch von sehr klein auf hautnah miterlebt, wie man mit Geld umzugehen hat. Oder dass ich jetzt noch zwei tolle kleine Geschwister geschenkt bekommen habe.

In vielen wichtigeren Dingen hat sie als Mutter aber komplett versagt. Dingen wie das Schenken von Liebe, Geborgenheit, dem Gefühl, dass man mit ihr über Probleme reden kann. Ich habe ein gewisses Verständnis, schliesslich hatte sie keine einfache Zeit damals. Sie war jung, hatte zwei kleine Kinder, kein Geld und einen Mann, der ihr das Leben zur Hölle machte. Aber dieser Zustand wurde durch Roman unterbrochen und sie führte mit ihm ihre lang ersehnte Cinderella 2.0 Beziehung, in der sie vom bemitleidenswerten Aschenputtel zur Königin mit Geld, Eigenheim, neuen Babies und Statussymbolen wie jährlichen Urlauben und gut bestückter Doppelgarage mutierte. Aber nicht mal dann konnte sie sich dazu aufraffen, mir so etwas wie Liebe entgegenzubringen. Würde ich ein Verbrechen begehen, würde sie mich zweifellos sofort anzeigen. Andere Mütter würden ihre Kinder decken, egal was sie anstellen. Manchmal frage ich mich, ob sie mich insgeheim hasst. Weil ich ihr das Leben mit 20 kaputt gemacht habe, zu meinem Vater gestanden bin und mich von ihm manipulieren liess, weil ich mich nicht damit zufrieden gab, dass ich als Putzmagd Fronarbeit zu leisten hätte und weil ich als das schwarze Schaf der Familie einen unliebsamen Schatten auf ihr tolles Glück werfe. "Deine Mutter hasst dich bestimmt nicht", sagen mir viele Leute. Naja. Vor nicht allzu langer Zeit entschloss sich meine Familie dazu, einen Auslug in den nächstgelegenen Freizeitpark zu machen. Alle waren dabei, auch mein inzwischen ebenfalls ausgezogener und erwachsener Bruder Michael. Lilly das schwarze Schaf wurde nicht einmal gefragt, ob sie mit will. Und ich sehe die Erinnerung an diesen zweifellos sehr lustigen Tag jedes Mal auf dem Whatsapp Profilbild von Mutter.

Das distanzierte und kühle Verhältnis zu meiner Familie kommt einzig von Mutter und meinem distanzierten Verhältnis zu ihr. Und ich glaube auch nicht, dass sich das jemals bessern wird. Vielleicht mit dem Enkel, den sie von mir schon seit ich 20 war, erwartet. Ich weiss es nicht. Und zweifellos wäre ich traurig, wenn sie sterben würde und nicht mehr da wäre. Dann wäre ich Vollwaise und es täte mir für meine Geschwister und für Roman sehr leid. Und es täte mir auch um die vielen liebevollen Momente leid, die wir hätten haben können, hätte sie mir nur mal ihr kaltes Herz geöffnet. Dass sie das nicht kann oder will ist ok, ich habe mich schon lange damit abgefunden. Dafür weigere ich mich aber, ihr brav an Muttertag eine Lobeshymne zu singen und ihr auch noch dankbar zu sein. Wenn ich an Merci-Werbungen und andere Familien denke, bin ich ihr für die falschen Dinge dankbar, was es für mich als falsch erscheinen lässt. Daher wünsche ich ihr meistens nur per Whatsapp einen angenehmen Muttertag und das war's. Mich bei ihr zu bedanken würde einen falschen Eindruck erwecken, weil ich dann relativieren müsste, wofür ich mich bedanke und das wäre Mutter ganz und gar nicht recht. Schliesslich kann sie damit nicht bei ihren Freunden angeben. Also bleibt es bei immer derselben Nachricht von mir am Muttertag und immer derselben kurz gefassten Antwort von Mutter, weil sie offenbar leicht angesäuert ist, von mir keine teuren Geschenke zu erhalten: "Danke."

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