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  • Lilly

6. Teil: Mitte Zwanzig und kein Stück weiser

Irgendwann Anfang November 2012 gammelte ich abends mal wieder auf Friendscout rum. Es war ziemlich öde. Und dann schrieb mich ein Typ an. Sein Name war Lucas. Wir unterhielten uns den ganzen Abend über alles Mögliche. Ich bat ihn, sich zu beschreiben. Seine Antwort beinhaltete alles, was ich mir wünschte: Argentinier, dunkle Augen, dunkle Haare, etwa 1.70m gross, Brille.. Ich stellte mir einen heissen Latino vor, der mein Herz definitiv zum Schmelzen bringen konnte.  Ich verabredete mich am kommenden Wochenende mit ihm. Natürlich habe ich Giulia jedes Detail erzählt und wir hatten einige mittels Kokain verlängerte Nächte, in denen wir alles analysierten was er geschrieben hat und wie ich mich kommendes Wochenende am besten geben sollte. Sie liess mich auch alleine zum Date gehen, da wir nach reiflicher Überlegung zum Schluss kamen, dass er kein Serienkiller wäre.  Wir trafen uns und auf den ersten Blick war ich doch ziemlich enttäuscht. Er war genau so, wie er sich beschrieben hatte. Nur irgendwie.. Nicht so gutaussehend wie in meiner Vorstellung.  Ich sagte mir aber, ich sollte nicht zu sehr auf Äusserlichkeiten achten. Schliesslich war er nicht gänzlich unattraktiv und wir hatten ja gute Gespräche.  Dass es nicht nur bei Gesprächen blieb, kannst du dir ja denken. Ziemlich schnell landeten wir im Bett und fingen eine Art Beziehung an. Wir telefonierten und texteten uns oft, ich besuchte ihn und er mich. Dass er arbeitslos war störte mich nicht sonderlich. So hatte er wenigstens immer Zeit, mir sofort zu antworten wenn ich ihm schrieb. Nur, dass er kein eigenes Auto hatte, war etwas mühsam. Er wohnte noch mit seiner Mutter zusammen. Aber die hatte eigene Pläne und wollte in ein paar Wochen nach Argentinien zurück. Für immer.  Für Lucas keine einfache Sache. Wie sollte er die Wohnung alleine bezahlen ohne Job? Er konnte sich auch nicht vorstellen, plötzlich alleine zu wohnen aber die Entscheidung hatte seine Mutter schon lange gefällt.  Üblicherweise würde ich sofort eine Lösung suchen und eventuell sogar vorschlagen zusammen zu ziehen. Aber tief in mir wusste ich, dass diese Beziehung niemals lange dauern würde und dass ich mich mit solchen Aussagen lieber zurückhalten würde. Ich musste seine Probleme ja nicht zu meinen Problemen machen.  Die Zeit mit ihm war schön. Aber irgendwie auch extrem schräg. Es dauerte nicht lange und ich stellte ihn Giulia vor. Sie war höflich und lustig wie immer. Unter vier Augen meinte sie, dass ich das doch unmöglich ernst meinen könne? Er passe überhaupt nicht zu mir, er sei ganz anders und er sei extrem auf mich fixiert. Sie fing an ihn hinter seinem Rücken “Hündchen” zu nennen, weil er tatsächlich wie ein kleines Hündchen ständig um mich tänzelte. Er fand auch alles süss, was ich machte. Als Giulia ihn eines Tages frage, ob er es auch süss fände, wenn ich kotzen würde, sagte er allen Ernstes (nach kurzer Überlegung) ja. Das war zu viel. Aber ich wusste nicht, wie ich ihn wieder loswerden könnte. Er hatte so viele Probleme und ich wollte ihn nicht noch mehr runterziehen.  Giulia und ich kauten dieses Thema so oft durch, dass wir beide es eigentlich nicht mehr hören konnten. Ich beschloss, mit einer meiner Studienkolleginnen ein Wochenende in Berlin zu verbringen. Etwas Abstand würde mir guttun und vielleicht zeigen, was ich machen sollte.  Leider half es überhaupt nicht. Er schrieb mir ständig und war zu jeder Zeit online als ich auch online war. Es war echt mühsam. Und Berlin stellte sich auch nicht als so toll heraus, wie viele behaupten. Aber vielleicht lag das an meiner Gesellschaft. Wir verstanden uns zwar aber meine Kollegin war halt ein ganz anderer Typ Mensch und wir hatten viele unnötige Diskussionen.  Wieder zu Hause hatte ich immer noch keine Lösung für mein Problem. Ich wusste, ich würde Schluss machen. Nur hatte ich einfach die Energie nicht. Es war mal wieder Dezember, kurz vor Weihnachten. Im Büro hatte ich Arbeit bis zum Umfallen, die Semesterprüfungen waren im Januar und alle Dozenten halsten uns extra viel Arbeit auf, damit wir vorbereitet wären.  Das Koks half natürlich, aber es wirkte nicht lange genug und ich gönnte mir schon ziemlich viel am Tag. Irgendwann, als ich mich bei Giulia über die ganze Situation beschwerte, kamen wir aus irgendeinem Grund auf meinen Bruder zu sprechen. Der mit ADS. Der mit dem Ritalin. Ritalin, das bei nicht von ADS geplagten Menschen genau das Gegenteil bewirkt und dich hyperaktiv macht. Und sicher viel länger wirkt als Kokain... Ich beschloss, meine Familie mal wieder zu besuchen. Und in einem ruhigen Moment stahl ich ein paar Ritalin-Pillen von meinem Bruder. Absolut verwerflich, ich weiss. Ich fühlte mich auch schlecht. Aber ich dachte mir, es würde mir helfen mich zu konzentrieren und diese ganze Arbeitslast zu bewältigen.  Ich teilte meine Pillen mit Giulia und wir waren begeistert. Es war ähnlich aufputschend wie Koks, hielt aber tatsächlich viel länger an. Und Nasenbluten bekam man davon auch nicht. Wir brauchten alle Pillen auf und ich holte mir noch welche. Aber nach dem zweiten Mal sagte ich Giulia, dass ich nicht noch mehr mitgehen lassen könne. Das würde irgendwann auffallen und ich wollte nicht, dass mein Bruder Schwierigkeiten kriegt. Also brauchten wir die restlichen Pillen noch auf und liessen es gut sein.  Etwa eine Woche vor Weihnachten war ich kurz vor dem Zusammenbruch. Es war alles einfach zu viel. Die Arbeit, das Studium, die vielen Zusatzaufgaben, die anstehenden Semesterprüfungen, Lucas.. Ich musste raus. Und war schnell. Also buchte ich 10 Tage Dominikanische Republik für mich alleine. Nach London wusste ich ja jetzt wie es war, alleine zu reisen. Es machte mir zwar Angst, weil London alles andere als gut gelaufen ist, ich war aber so verzweifelt dass mir das völlig egal war. Ich wollte einfach weg von allem. Als ich es Lucas sagte, war er sofort Feuer und Flamme und wollte mit. Ich versuchte ihm schonend beizubringen, dass das nicht ginge. Ich fragte ihn auch, wie er das denn finanzieren wolle. Er müsse doch schon die Wohnung und alles bezahlen. Seine Antwort war, dass ich ihm den Urlaub ja vorfinanzieren könne, er würde es mir irgendwann zurückzahlen.  Das brachte das Fass zum Überlaufen. Ich sagte ihm, dass ich definitiv alleine gehen will, gar nichts vorfinanziere und wir uns ja trotzdem schreiben oder skypen könnten. Er akzeptierte meine Entscheidung mit viel Gemurre.  Am Heiligabend sass ich im Flugzeug in Richtung Karibik. Ich war aufgeregt und überdreht und froh, einfach wegzukommen. Der Flug war ok, alleine zu reisen hat mir nicht viel ausgemacht.  Ich kam Mitten in der Nacht im Hotel an und haute mich total erschöpft erst mal aufs Ohr. Am nächsten Tag ging ich spazieren, ans Meer, lag am Pool, hab gelesen, etwas gelernt (¾ des Koffergewichts ging auf meine Bücher, Karteikarten und Taschenrechner, die ich zum Lernen eingepackt hatte). Ich genoss meine Zeit und beobachtete die ganzen Pärchen im Hotel.  Das Hotel war ok aber auch nicht sehr luxuriös. Für mich und meine Zwecke reichte es.  Es machte mir auch nichts aus, allein zu sein. Dachte ich. Aber eigentlich war ich nebenbei ständig am Handy. Ich schrieb mit Lucas und Giulia. Aber hauptsächlich Lucas. Heute weiss ich, ich missbrauchte ihn eigentlich lediglich dazu, um nicht alleine zu sein. Wir verabredeten auch, dass wir an Silvester skypen würden. Er würde extra früh morgens aufstehen, wenn in der Karibik grade Neujahr war. Er fand das romantisch. Ich stimmte mangels anderer Pläne zu.  Dann kam der 26. Dezember. Mein zweiter Tag in der Dominikanischen Republik. Ich war gerade beim Mittagessen und textete mal wieder mehr als wirklich zu essen, als ein Typ bei mir am Tisch stand. Er musste Araber sein, er hatte schwarze Augen, schwarze Haare, war muskelbepackt und hatte eine mocca-farbene Haut. Ich fand ihn auf Anhieb richtig attraktiv und war gespannt, was dieser Typ denn von mir wollte.  Er hatte sein Handy in der Hand und fragte mich auf Englisch, ob ich das WLAN Passwort hätte. Er hätte mich oft schreiben gesehen und entweder sei ich stinkreich und könne mir das leisten, oder ich hätte das WLAN Passwort. Ich war etwas enttäuscht, dass er mich nur deswegen ansprach, musste aber trotzdem lachen und gab ihm das Passwort. Er fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe und natürlich bejahte ich. Er fragte mich, woher ich komme. Ich antwortete “Switzerland. And you?” Seine Antwort verblüffte mich “Me too”. Aber immer noch Englisch. Ich fragte mich, ob er vielleicht aus dem französisch- oder italienischsprachigen Teil der Schweiz kam und fragte “Soooo still no German?” Und zu meiner Belustigung antwortete er in Schweizerdeutsch, dass wir uns natürlich auf Deutsch unterhalten könnten. Es stellte sich heraus, dass er Luftlinie 80 km weit weg von mir lebte und ebenfalls alleine hier war. Wie klein die Welt doch ist! Und ob das ein Omen war? Wie gross war denn die Wahrscheinlichkeit für so was?   Erst um 15 Uhr merkten wir, dass wir ganz alleine im Restaurant sassen. Das Mittagessen war längst abgeräumt und die Leute wieder draussen. Wir beschlossen, einen Spaziergang zu machen und uns weiter zu unterhalten. Es war so einfach, mit ihm eine Unterhaltung zu führen! Es gab nicht eine Sekunde, in der es komisch war. Wir fühlten uns beide, als würden wir uns schon das ganze Leben kennen.  Erst gegen Abend fragte er mich, wie ich überhaupt heisse. Wir mussten lachen. Wir hatten uns stundenlang unterhalten, ohne uns überhaupt die Namen zu nennen. Er hiess Ashif. Seine Mutter stammte aus der Schweiz, sein Vater aus Marokko. Daher sein arabisches Aussehen, dachte ich mir.  Er war Einzelkind und lebte seit dem Kindergartenalter in der Schweiz. Er erzählte viel von sich und seinen schief gelaufenen Beziehungen. Die letzte Beziehung war gerade erst vorbei und das sei auch der Grund, weshalb er alleine in Urlaub gefahren sei. Ich antwortete, dass ich in einer ähnlichen Situation stecke und erzählte ihm von Lucas. Er lachte mich aus und meinte, ich solle mich nicht so anstellen und einfach Schluss machen. Wir unterhielten uns über Kinder, Familie, Beruf, die Zukunft. Seine Antworten waren einfach nur toll. Ja, er wünschte sich Kinder aber je älter er werde (er war 5 Jahre älter als ich), desto weiter rücke dieser Traum in die Ferne, weil er ja nicht mit der erstbesten Frau eine Familie gründen wolle.  Ich war absolut begeistert.  Auf meine Frage hin, wie denn sein Zimmer hier wäre, meinte er, es müsse direkt aus der Vorhölle stammen. Wir gingen in sein Zimmer und es war tatsächlich klein und erdrückend. Nicht mal mit Fenstern. Ich lachte ihn aus. Ich hatte Glück und hab die Captain Suite bekommen. Mit Whirlpool, eigener Küche, Sofa, zwei Doppelbetten und einem Balkon. Zum günstigeren Preis als er bezahlt hatte. Das rieb ich ihm natürlich unter die Nase. Seine Antwort war nicht unbedingt üblich für eine solche Situation: “Wenn ich dich nicht besser kennen würde, würde ich dich als arrogante dumme Drecksfotze bezeichnen”. Ich war so vor den Kopf gestossen, dass ich ihn einfach stehen liess und wegstolziert bin. Er hat sich 100 Mal entschuldigt und meinte, dass er es ja eben nicht sagen würde, weil er mich besser kennt. Eine ziemlich billige Ausrede und ich war nicht annähernd überzeugt von seiner Reue. Aber ich sagte mir, dass es zu viele Zufälle waren und dass unser Zusammentreffen eindeutig vorherbestimmt war. Also beschloss ich, diesen unerfreulichen Vorfall zu vergessen.  Wir verbrachten den ganzen Abend zusammen und ich machte ihm den Vorschlag, dass er doch bei mir im Zimmer schlafen könnte. Ich hatte sowieso mehr als genug Platz und zwei Betten. Er war einverstanden und so verbrachten wir die erste Nacht zusammen. Aber nicht so, wie du jetzt vielleicht denkst. Ich hatte mein züchtiges Snoopy-Nachthemd dabei und hab in einem Bett übernachtet, er in dem anderen. Das Aufwachen am nächsten Morgen war der erste komische Moment den wir hatten. Wir wussten beide nicht wirklich, was wir sagen sollten und so ging er zurück in sein Zimmer um sich umzuziehen. Wir verabredeten uns fürs Frühstück. Und verbrachten natürlich wieder den ganzen Tag zusammen.  Ich war stolz auf mich, dass ich ihn nicht gleich in der ersten Nacht rangelassen habe. Wollte aber auch nicht länger warten, also verbrachten wir einen Grossteil des zweiten Tages in meinem Zimmer. Am Abend lud er mich in ein Restaurant ausserhalb des Hotels ein. Es war einfach toll.  Früh morgens am nächsten Tag klingelte mein Telefon. Das des Hotels. Ich fragte mich, wer zur Hölle mich um diese Zeit anrief und aus welchem Grund. Zu laut waren wir sicher nicht, wir waren ja am Schlafen! Ich hob ab und war komplett geplättet, als Flo am anderen Ende war. WTF?!  Er sagte, er sei froh, dass es mir gut ginge. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was er meinte.  Es stellte sich raus, dass Lucas sich wegen meines langen Schweigens extreme Sorgen gemacht hatte. Er war Giulia so lange auf den Keks gegangen, bis sie ihm Flo’s Nummer gegeben hatte. Das machte für mich überhaupt keinen Sinn. Weshalb sollte Giulia Lucas die Nummer meines Exfreundes geben? Florian erklärte mir lachend, dass Lucas ihn angerufen und um Tipps gebeten hätte, wie er mit mir umgehen sollte. Er wusste anscheinend einfach nicht weiter.  Ich war amüsiert und wütend zugleich. Was sollte das? Da meldete ich mich ein paar Stunden nicht mehr und schon brach die Welt zusammen? Ok, ich hätte mir wahrscheinlich auch ziemliche Sorgen gemacht und ehrlich gesagt. Hatte ich tatsächlich komplett vergessen, dass ich noch Leute zu Hause hatte, die wahrscheinlich auf Antworten auf ihre Nachrichten warteten? Vor allem, da ich die ersten anderthalb Tage so intensiv getextet hatte.  Ich sah auf mein Handy und stellte erstaunt fest, dass ich über 20 verpasste Anrufe und mehr als 40 Nachrichten hatte. Alle von Lucas, Giulia und Florian. Meine Güte!  Ich antwortete Lucas knapp, dass alles in Ordnung sei und ich meine Zeit geniessen würde und daher nicht ständig auf mein Handy schauen konnte. Er tat mir irgendwie leid. Aber ich schob den Gedanken schnell beiseite. Er war nicht sehr begeistert und rang mir das Versprechen ab, dass wir an Silvester skypen würden.  Die Zeit bis Silvester verging wie im Flug. Ashif und ich verstanden uns nach wie vor glänzend und hatten die beste Zeit zusammen. Er schlief jeden Abend bei mir (jetzt im selben Bett) und ging jeden Morgen zu seinem Zimmer, um sich umzuziehen.  An Silvester schrieb mir Lucas wie erwartet. Ich nahm das Handy mit zum Pool wo ich lippenkauend sass und versuchte, Lucas zu vertrösten. Ich wollte nicht mit ihm skypen. Ich hatte anderes zu tun. Und war er wirklich so beschränkt, dass er nicht realisierte, worauf das hinauslaufen würde?  Er bestand darauf, zu skypen. Ich verneinte immer wieder. Schliesslich seufzte ich und schrieb ihm, dass wir reden würden, wenn ich wieder zurück sei. Ich wollte heute nicht skypen und ich würde jetzt das Handy zur Seite legen. Das sollten wir persönlich besprechen. Er war natürlich gar nicht begeistert und drängte mich, sofort mit der Sprache rauszurücken. Also sagte ich ihm, dass das so nicht geplant gewesen wäre und ich so was nicht per Whatsapp machen wollte aber meinetwegen. Ich hätte jemanden kennengelernt, wir verstünden uns gut und die Beziehung zu Lucas war sowieso nicht wirklich ernst gewesen.  Er war total am Boden zerstört. Er schrieb mir sogar, dass er mir das verzeihen könnte, ich solle nur wieder nach Hause zu ihm kommen. Meine Güte, das war echt zum Kotzen! Er begriff es einfach nicht. Einer der Gründe für meinen Urlaub war, Abstand zu gewinnen. So dass ich nach meiner Rückkehr Schluss machen könnte. Er machte es mir nicht leicht.  Ashif sass daneben und bekam alles mit. Und amüsierte sich köstlich. Er meinte noch, ich solle “happy new year” schreiben. So ein Idiot!  Naja, es ging nicht gut aus für Lucas. Und ich war zu beschäftigt mit mir und Ashif, als dass ich viel über diese Situation nachdenken wollte. Also legte ich das Handy einfach zur Seite und genoss den Rest meines Urlaubs.  Meine Rückreise kam zuerst. Ashif flog ein paar Tage später zurück. Der Abschied fiel mir überhaupt nicht leicht und ich vermisste ihn schon in der ersten Minute. Aber wir würden uns ja bald in der Schweiz wiedersehen! Und seine Nummer hatte ich selbstverständlich ebenfalls, so dass wir weiterhin schreiben konnten.  Giulia hatte ich bereits im Urlaub eingeweiht und ihr von Ashif erzählt. Sie freute sich für mich und bot an, mich vom Flughafen abzuholen. Nichts lieber als das!  Ich hoffe nur inständig, dass Lucas sich etwas erholt hatte. Ich brachte es nicht übers Herz ihm vor dem Abflug zu schreiben. Ich beschloss, mit Lucas noch am selben Tag meiner Ankunft zu reden und Schluss zu machen. Aber erst wollte ich natürlich Zeit mit Giulia verbringen und ihr haarklein alles erzählen.  Als ich aus dem Flugzeug stieg, war ich voller Vorfreude auf Giulia. Und wurde ziemlich hart auf den Boden der Tatsachen geholt, als ich Lucas beim Ausgang entdeckte. Er stand mit verbitterter Mine und verschränkten Armen dort. Giulia entdeckte ich ganz in der Nähe. Sie hatte Lucas ebenfalls gesehen, wie sie mir mit ihrem Blick ziemlich eindeutig zu verstehen gab.  Also fuhren wir zu Dritt zu mir. Giulia lud uns aus und ich sagte ihr, ich würde mich später melden.  In meiner Wohnung fragte ich Lucas, was das sollte. Er meinte, er hätte nicht zu Hause rumsitzen können und er müsse wissen, ob jetzt Schluss wäre. Während unserem Gespräch habe ich meinen Koffer ausgepackt. So wenig interessierte mich das Ganze.  Als ich ihm ruhig sagte, dass Schluss sei und dass ich das eigentlich schon vor meinem Urlaub vorhatte, stürmte er in die Küche und schnappte sich eines meiner Küchenmesser. Ich rannte ihm nach und sagte, er solle keinen Scheiss anstellen. Er wollte sich das Messer in den Bauch rammen, besann sich aber doch anders und kratze sich lediglich die Haut auf.  Auf sein Bitten hin, ob ich ihm einen Verband anlegen könnte, er blute schliesslich, meinte ich, dass ich ihm ein Pflaster geben könne. Leider waren die Barbie-Pflaster aber alle.  Ich sagte ihm dann klipp und klar dass unsere Beziehung vorbei war, er meine Nummer löschen sollte und ich ihn jetzt netterweise noch zum Bahnhof fahren würde. Gesagt getan. Er sagte zum Schluss leise, dass er mir nur das Beste wünsche und dass er hoffe, dass der neue Mann der Mann meines Lebens werden würde. Damit stieg er in den Zug und verschwand für immer aus meinem Leben.  Seine Worte haben mich härter getroffen als ich zugeben wollte. Ich fühlte mich richtig mies aber solchen Typen musste man ja wirklich unmissverständlich klar machen, dass es vorbei ist.  Es ging mir schnell besser als ich bei Giulia war und ihr alles von meinem Urlaub erzählt habe. Ich war so glücklich! Endlich hatte ich jemanden kennengelernt, der wirklich der Mann meiner Träume sein könnte. Die Art wie wir uns kennengelernt hatten war unglaublich romantisch. Und die Gespräche mit ihm waren einfach nur toll. Ich konnte es kaum erwarten, dass er zurückkam.  Ein paar Tage später trafen wir uns in Zürich und mussten lachen als er sagte: “Also so siehst du angezogen aus”. Danach übernachtete ich zum ersten Mal bei ihm. Seine Wohnung war der absolute Hammer. Maisonette, mit einer riesigen Terrasse, 6m hohen Decken und der Blick direkt in die Berge. Einfach nur Wahnsinn. Er wohnte mit einem Freund zusammen. Da kam mir meine kleine alte Wohnung ziemlich schäbig vor.  Nichtsdestotrotz kam er ab und zu mal zu mir. Da er aber keinen Führerschein besass, waren diese Besuche mit dem Zug eher selten. Der Weg war einfach zu weit. Also nahm in das auf mich.  Natürlich hatte ich einiges vom Studium nachzuholen, da ich während meiner Weihnachtsferien so gut wie nichts gelernt hatte. Aber mit ein bisschen Koks ging das schon.  Einen Monat später beschlossen wir, dass wir in Urlaub fahren sollten. Und so flogen wir bereits im Februar 2013 nach Mexiko. Es war einfach toll. Sonne, Meer, Strand, gute Gespräche. Und natürlich Alkohol. Früher trank ich nicht so oft aber Ashif zeigte mir verschiedene Whiskey- und Rumsorten und ich war nicht ganz abgeneigt. Allerdings konnte ich mit ihm nicht mithalten, er war ziemlich trinkfest.  Aber an einem Tag gegen Ende unserer Reise kippte die Stimmung. Er ging ins Fitness und liess mich alleine beim Pool. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Ich erwachte lange nach 16 Uhr und war immer noch alleine. Also beschloss ich, an die Bar zu gehen und mir noch ein paar Drinks zu gönnen. Ich plauderte mit den Leuten da und lernte eine mexikanische Familie kennen, welche die Verlobung ihres Sohnes feierte. Ich trank mit ihnen Unmengen an Tequila. Einmal sah ich sogar Ashif. Er stand weit entfernt und beobachtete mich. Ich winkte ihm und bedeutete, er solle zu mir kommen. Aber er drehte sich nur um und ging. Natürlich fand ich das komisch aber es störte mich nicht weiter. Ich feierte also noch etwas mit meinem neuen mexikanischen Freunden.  Als besagter Sohn (dessen Verlobung wir feierten) mich zum Zimmer brachte, war ich ihm dankbar. Ich war hackevoll und konnte kaum mehr richtig stehen. Ich öffnete die Zimmertür und umarmte ihn noch zum Abschied und bedankte mich für den tollen Nachmittag.  Ashif stand zornfunkelnd im Zimmer, bellte ihn auf Englisch an er solle sich verpissen und mich fuhr er an, ich soll sofort ins Zimmer und mich hinsetzen. Ich war komplett überrascht von dieser Reaktion. Wir stritten darauf ziemlich heftig. Er dachte, ich wolle ihn verarschen und wollte wissen, weshalb ich fremde Typen umarmte. Alle Erklärungen liess er abblitzen. Er glaubte mir nicht?!  Wir stritten noch den Rest der Ferien über diese Situation. Und ich wollte das ausdiskutiert haben. Er entschloss sich dazu, mich aber einfach zu ignorieren. Und das während des kompletten Rückflugs, der noch einen zweistündigen Zwischenstopp in Paris beinhaltete. Das war der längste Flug meines Lebens. Es war echt nicht witzig. Zu Hause kam ich tränenüberströmt an und habe Giulia alles erzählt. Sie versuchte mich zu trösten und sagte, dass alles schon wieder in Ordnung käme.  Ashif hat sich tagelang nicht mehr gemeldet. Ich mich dann auch nicht mehr. Was sollte das? ER hatte mich doch den ganzen Tag alleine gelassen! Wieso sollte ich ihm nachrennen? Und schliesslich trank ich auch nur Alkohol, weil wir immer zusammen Alk tranken. Vorher habe ich nie gross Alkohol getrunken. Und er warf mir jetzt vor, dass ich total betrunken einen anderen Typen umarmt habe. Aber das war echt nichts dabei, ich wollte mich nur bedanken.  Ich freundete mich schon mit dem Gedanken an, dass das wohl wieder nur ein Griff ins Klo war, als mein Handy klingelte. Es war Ashif. Ich nahm ziemlich kühl ab und er war auch sehr distanziert. Er meinte, wir sollten das Ganze versuchen zu vergessen und nochmals neu anfangen. Es täte ihm leid, dass er den kompletten Rückflug nicht mit mir geredet hat. Das hatte mir wirklich sehr zugesetzt.  Ich beschloss, ihm zu verzeihen.  Nach unserer Mexikoreise verbrachte ich jede freie Minute in der Innerschweiz bei Ashif. Ich arbeitete, wohnte und studierte zwar im Norden der Schweiz, aber die Stunde Autofahrt war es mir Wert, ihn so oft ich konnte zu sehen. Aber nach ein paar Monaten beschlossen wir, dass diese Fahrerei nicht länger so bleiben konnte. Ich wohnte mittlerweile eher im Auto als bei ihm oder mir zu Hause. Also beschlossen wir, zusammenzuziehen. Nach nur einem halben Jahr zog ich bei ihm ein. Sein Mitbewohner suchte schnell das Weite und zog ziemlich bald nach meinem Einzug aus.  Anfangs fühlte ich mich total fremd in der neuen Umgebung. Ashif zeigte mir zwar alles und stellte mich seinen Freunden und seiner Mutter vor, die 5 Gehminuten von ihm entfernt wohnte. Aber ich hatte das Gefühl, nicht dazuzugehören. Alle waren dort aufgewachsen und kannten sich noch vom Kindergarten! Ich habe in dieser Zeit oft mit Giulia telefoniert oder ging alleine am See spazieren, um mich mit der Umgebung anzufreunden.  Seine Freunde nahmen mich alle mit offenen Armen in ihre Clique auf, was ich sehr schätzte. Nichtsdestotrotz war ich fremd dort und mein straffer Zeitplan mit der Arbeit, dem Studium und dem neu hinzugekommenen Arbeitsweg von über einer Stunde pro Fahrt machten es mir nicht leichter. Oft kam ich völlig erschöpft nach Hause und fiel gleich ins Bett.  Wir hatten auch ziemlich oft Krach in dieser Zeit. Hauptsächlich, weil wir bei gewissen Themen grundverschiedene Ansichten hatten. Ich war und bin eine gefühlsbetonte Person, die gerne kuschelt und die körperliche Nähe braucht. Er ist das Gegenteil davon. Und dass es da zu Reibereien kommt, ist absehbar. Natürlich half es auch nicht, dass er sich grundsätzlich täglich seinen Feierabend-Whiskey gönnte. Was dann selten bei einem Glas blieb. Und ich machte mit. Wir tranken und rauchten jeden Abend und redeten stundenlang. Und teils artete das Reden halt in Streit aus. Unter Alkoholeinfluss war das immer unweigerlich der Fall. Ich merkte schnell, dass er sehr nachtragend ist. Nach einem Streit konnte er noch tagelang die beleidigte Leberwurst spielen und mich keines Blickes würdigen, geschweige denn mit mir anständig reden. Ich hingegen kann das auch, aber spätestens nach einem Tag wird mir das zu blöd. Teilweise wusste ich nach einem Tag nicht mal mehr, worum es in dem Streit gegangen ist. Vor allem wenn wir unter erhöhtem Alkoholeinfluss gestritten hatten.  Also musste ich wohl oder übel einen Kompromiss finden. Dieser bestand darin, dass ich aufhörte nachtragend zu sein. Ich versuchte, nach einem Streit wieder normal zu reden und das Streitthema zu meiden. Anfangs machte er da nicht mit und zog sein Ding durch indem er mich 3 Tage nach einem Streit ignorierte. Mit der Zeit freundete er sich aber mit der Idee an, so dass wir am nächsten Tag nach einem Streit wieder normal miteinander umgehen konnten.  Das hat mir gezeigt, dass ich eindeutig die Vernünftigere in der Beziehung sein müsste. Das bedeutete aber auch, dass ich mehr Opfer bringen müsste. Es fällt nicht nur ihm schwer, nach einem richtigen Streit einfach so zu tun als wäre nichts gewesen. Es fiel mir auch schwer, meine Eifersucht in den Griff zu kriegen. Und mit “in den Griff kriegen” meine ich, dass ich sie ganz abstellen musste. Er kam einfach nicht damit klar. Und wenn wir deswegen anfingen zu streiten, musste ich ja sowieso irgendwann nachgeben und so tun, als wäre nichts gewesen. Ansonsten hätten wir wieder tagelange Krisen.  Mit meinen Anstrengungen, mein Verhalten auf seine Wünsche anzupassen, lief die Beziehung ziemlich gut. Wir waren in diesem Jahr oft im Urlaub. Nach Mexiko folgten Miami, Barcelona, Mauritius, Dubai und Jamaika. Seine Devise war es: Geld ist zum Ausgeben da und man soll sich ruhig was gönnen. Ich konnte dem nur zustimmen und so gönnten wir uns einiges in diesem Jahr.  Im darauffolgenden Jahr hatten wir immer mal wieder Krach. Sogar unsere Nachbarn kamen mal vorbei und fragten, ob alles in Ordnung sei. Man könne uns durch die Wände hören.  In den Stunden und Tagen, in denen Ashif mich ignorierte und durch Schweigen bestrafte, war ich oft sehr einsam. Ich hatte ja niemanden zum Reden. Die Freunde vor Ort waren allesamt seine Freunde. Und Giulia wollte ich nicht ständig anrufen, um meinen Frust abzulassen. Also machte ich gute Miene zum bösen Spiel.  Im Juli 2014 wollte ich meinen Geburtstag feiern und eine Party veranstalten. Wir hatten vor allem im Sommer ständig irgendwelche Freunde von ihm bei uns zu Hause und grillierten oft. Warum also nicht eine weitere Party zu meinen Ehren? Er war strikt dagegen, wollte keine Leute bewirtschaften (obwohl wir das oft sowieso taten..!?), kein Geld dafür ausgeben und nicht aufräumen. Ich sagte ihm, dass ich alles bezahlen und aufräumen würde, ich wollte nur mal wieder auch meine Freunde sehen und alle zusammen einladen. Als er merkte, dass ich das durchziehen würde, fing er an zu stänkern. Er meckerte tagelang, ignorierte mich, führte sich auf wie ein kleines Kind, das nicht bekam was es wollte.  Die Geburtstagsfete startete und ich war überglücklich. Der ganze Nachmittag war toll – ausser dass er jedem offen zeigte, wie ungern er dabei war. Am Abend gingen wir alle in die Innenstadt in eine Bar. Sowohl ich als auch Ashif hatten schon mehr als genug Alkohol intus. Ich sagte ihm, dass er sich den ganzen Tag völlig danebenbenommen hätte. Er tickte komplett aus. Als ich aufstand, um frische Luft zu schnappen meinte er übertrieben laut zu seinem Sitznachbarn “jetzt wird’s besser – sie geht endlich!”. Und das an meinem Geburtstag!  Giulia war auch dort. Sie war fassungslos über dieses Verhalten und begleitete mich nach draussen, wo ich heulend zusammenbrach. Ashif kam einige Minuten später aus dem Lokal, sah mich am Boden sitzend weinen, verdrehte die Augen und lief davon. Giulia rief ihm nach, dass das eine absolut schwache Vorstellung von ihm gewesen sei. Es war ihm egal.  Ich beschloss, nicht nach Hause zu gehen, sondern ein paar Sachen zu packen und mit Giulia zu fahren. Ich würde bei ihr übernachten und mir überlegen, wie es weitergehen sollte.  Wir redeten lange und sie fragte mich immer wieder, was ich denn an ihm finden würde. Trotz allen negativen Punkten fand ich die Gespräche mit ihm wahnsinnig toll und wir hatten im Urlaub immer eine sehr gute Zeit. Ich konnte sehen, dass Giulia das nicht reichte, aber sie hakte nie weiter nach. Sie hat mir auch niemals zu irgendetwas geraten oder mich zu etwas gedrängt. Sie war immer nur da, damit ich mich ausheulen konnte.  Am nächsten Tag fuhr sie mich wieder nach Hause. Eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, eine solche Freundin zu haben.  Zu Hause angelangt fand ich Ashif trinkend und rauchend vor. Er funkelte mich böse an. Aber er war auch fertig, das sah ich ihm an. Wir versuchten uns ruhig über den Vorabend zu unterhalten. Eine Entschuldigung kam nie von ihm. Er meinte sogar, ich hätte mich zu entschuldigen. Wie immer gab ich einfach nach, damit Ruhe ist.  Ich wollte den Müll runterbringen und merkte, dass der Mülleimer aussergewöhnlich schwer war. Ich fand einen zerbrochenen Teller im Müll. Einer MEINER Teller. Genauer gesagt, einer meiner Swissair Teller, die es nicht mehr gibt und die ich absolut in Ehren halte. Darauf angesprochen meinte er nur, dass er halt wütend gewesen sei und was kaputthauen wollte. Ich war zu ausgelaugt, um wütend zu werden.  Ein Monat später reisten wir in die Malediven. Den Urlaub hatten wir schon vor Monaten geplant. Ich sagte ihm noch vor der Buchung, dass das eine kleine Insel sei. Man kann nicht einfach mal weg. Er solle sich das gut überlegen, er war ja schliesslich derjenige, der ständig irgendwas machen musste. Üblicherweise war er im Urlaub zufrieden, wenn es eine Bar gab (die am besten 24 Stunden geöffnet hat) und Leute, mit denen er sich unterhalten konnte. Er fand immer schnell Anschluss zu anderen Leuten und im Urlaub kam es nicht selten vor, dass ich alleine ins Hotelzimmer zurückging während er noch die halbe Nacht mit irgendwelchen fremden Leuten trank und unterwegs war. Für mich war das ok. Aber auf den Malediven wusste ich nicht, ob ihm das gefallen würde. Ich war schon mal da, er nicht. Um es kurz zu machen: Wir waren grade mal 24 Stunden da, als er merkte, dass es zwar eine Bar gab aber die anderen Gäste alle paarweise da waren. Das bedeutete, er konnte nicht einfach mal so eine Nacht mit anderen Typen durchzechen. Auch gingen alle früh schlafen. Er konnte damit überhaupt nichts anfangen. Als er mir eröffnete, dass er einen Inselkoller kriegen würde, wurde ich richtig wütend. Ich versuchte die Wut nicht zu zeigen aber es fiel mir extrem schwer. Ich hatte es ihm doch gesagt, verdammt nochmal!!!  Ich ging ins Zimmer und suchte mir den nächstbesten Flug nach Zürich raus. Lieber wollte ich jetzt alles beenden und nach Hause fliegen, als mir 2 Wochen lang genervter Ashif zu geben.  Doch es kam anders. Am nächsten Tag liefen wir zufälligerweise am Tauchcenter der Insel vorbei. Wir beschlossen, mit Tauchen anzufangen. Zeit hatten wir ja genug und ich dachte mir, das würde ihn hoffentlich genügend ablenken. So war es dann auch. Wir bezahlten pro Person 900 USD für den Kurs, aber wir haben damit unseren Urlaub und unsere Beziehung gerettet. Wir waren jeden Tag am Tauchen und absolvierten den Open Water Kurs. So hatten wir viele Sachen zum Bereden, zum Vergleichen, viele Eindrücke zum Verarbeiten und Ashif war wieder viel umgänglicher.  Ab da gings für jeden Urlaub nur noch irgendwo ans Meer, wo wir tauchen konnten. Das war unser Hauptaugenmerk. Und natürlich geizten wir nicht. Nach den Malediven folgten die Philippinen, Ägypten, Thailand, Bali, die Gili Inseln auf Indonesien, Kuba, Djibouti, Curaçao, Oman und nochmal die Malediven. Wir gaben pro Jahr etwa 20’000 Franken für Urlaub aus. Das war es uns wert. Vor allem weil wir im Urlaub viel besser miteinander klar kamen als zu Hause.  Irgendwann kam bei ihm das Thema Auswandern vermehrt auf. Er war ja halb Marokkaner und ist erst im Kindergartenalter in die Schweiz gekommen. Das war für ihn die Begründung, weshalb er nicht in der Schweiz alt werden wollte. Er fühlte sich auch aufgrund seines arabischen Aussehens als Aussenseiter in der Schweiz und wollte weg. Weg von der Kälte und von den Menschen hier. Er wollte als Tauchlehrer irgendwo neu beginnen und sein Leben geniessen. Natürlich mit mir an seiner Seite. Wir besprachen das Thema häufig aber ich agierte als Stimme der Vernunft. Auswandern ist nichts, was man leichtsinnig machen sollte. Vor allem aufgrund des finanziellen Aspekts. Er hatte einen anständigen Job in der Schweiz, eine schöne Wohnung und das Geld reichte für sehr viel Urlaub. Obwohl, das Geld musste ich ihm jedes Mal ausleihen, er bezahlte es mir in Raten zurück. Ich war praktischerweise seine zinslose Hausbank.  Er wusste ja auch nicht mal wohin er auswandern wollte! Einfach weg. Er meinte auch, er wird niemals umziehen. Es sei denn, wir wandern aus.  So vergingen die Jahre und als ich mein Studium 2015 tatsächlich beendete und stolz mein Diplom als Betriebsökonomin abholen konnte, fasste ich den Entschluss, meine komplette Situation zu überdenken. Knapp 3 Jahre hatte ich jetzt den langen Arbeitsweg, nebst meinen 55-Stunden-Wochen und den anstrengenden Beziehungskrisen mit Ashif. Ich hatte es mir verdient, wieder einen normalen Alltag zu haben, jetzt, wo das Studium beendet war.  Also beschloss ich, mir einen Job in der Nähe zu suchen. Leider musste ich schnell feststellen, dass es in der Innerschweiz lediglich im Pharma- oder Versicherungsbereich Jobs gab. Beides überhaupt nicht mein Metier.  Also musste es halt die Wohnung sein. Schliesslich würde es Ashif auch guttun wenn wir in den Norden der Schweiz ziehen würden, wo die Jobs sind. Und Wohnraum ist auch günstiger, je nachdem wo man sich niederlässt.  Nach ewigem Murren liess er sich dann aber doch davon überzeugen, umzuziehen. Er meinte, ich hätte schon viel für ihn aufgegeben, da sei er mal an der Reihe. Für jemanden wie ihn war so ein Satz eine ziemliche Überwindung und ich war ihm dankbar.  Also suchten wir eine Wohnung und wurden schliesslich fündig. Nichts allzu Besonderes, aber es würde reichen für uns zwei. Der Umzug gestaltete sich schwierig und sehr stressig. Ich bin in meinem Leben ja schon so einige Male umgezogen (19 Mal), also bin ich quasi Umzugsprofi. Allerdings hatte ich meine Rechnung ohne Ashif gemacht. Der rührte nämlich keinen Finger.  Am Abend vor dem Umzug, gab ich ihm die Aufgabe, bei der alten Wohnung so viel Hausrat und Kartons wie möglich vors Haus zu bringen. Ich würde nach der Arbeit in Zürich einen Umzugswagen mieten und danach mit ihm zusammen mit dem Hausrat befüllen.  Als ich um 19 Uhr endlich mit dem Mietwagen ankam, fand ich einen betrunkenen Ashif zu Hause auf dem Balkon sitzend und das Wetter geniessend vor. Ich war rasend vor Wut. Klar, ich bin ein Kontrollfreak, ich mache vieles gerne alleine und organisiere Umzüge oder Reisen von A bis Z. Aber das heisst nicht, dass ich nicht auch auf Hilfe angewiesen wäre! Und so wie er da sass sah er aus, als ob ihm das alles komplett egal wäre. Er verstand meine Reaktion überhaupt nicht und es artete in einem Streit aus. Schlussendlich plagte ich mich alleine mit Möbeln und Kartons rum und versuchte, den LKW möglichst schnell zu beladen. Ein Unwetter war im Anmarsch, was in der Innerschweiz im Sommer nicht ungewöhnlich ist.  Schlussendlich war ich klatschnass und total erschöpft und freute mich überhaupt nicht auf den Umzug. Er ist natürlich stur geblieben und hat keine Notwendigkeit zur Hilfe gesehen. Der Rest verlief ähnlich chaotisch aber irgendwann kamen wir schliesslich an. Ich dachte, nun würde nach einer kurzen Eingewöhnung, alles wieder ins Lot kommen. Aber dieser Umzug markierte den Anfang vom Ende.  Da Ashif keinen Führerschein besass, musste er seinen alten Job in der Innerschweiz kündigen. Aber ich tröstete ihn und sagte ihm, dass der Industriezweig der Schweiz ohnehin in der Gegend unseres künftigen Wohnortes sein würde. Er meckerte sowieso ständig über seinen Arbeitgeber und ich dachte er war froh, als er dort weg konnte.  Allerdings eröffnete er mir dann, dass er sich eventuell umschulen lassen wolle und etwas Zeit bräuchte. Die gab ich ihm. Der Deal war, dass ich arbeiten gehe und alle Rechnungen zahle. Er sollte sich Gedanken über seine Situation machen, sich für Jobs bewerben oder eine Weiterbildung beginnen. Als Gegenleistung für die Übernahme der Rechnungen meinerseits hatte er die Aufgabe, den Haushalt in Schuss zu halten. Die Abmachung beinhaltete auch, dass er mir die Hälfte der Mietkosten wieder zurückzahlen würde, sobald er einen Job hatte. Er willigte ein und ich fing bald darauf meinen neuen Job in Zürich an. Es fühlte sich gut, wieder zurück zu sein! Nicht, dass ich die Innerschweiz nicht vermisste. Es war für mich zwischenzeitlich wie eine zweite Heimat geworden.  Aber ich fühle mich im Norden mehr “zu Hause”.  Bereits nach ein paar Wochen stellte sich heraus, dass die “Pause”, die sich Ashif gönnen wollte um sich neu zu orientieren, für nichts anderes benutzt wurde, als den ganzen Tag zu zocken und nichts zu tun. Er schrieb keine Bewerbungen, er informierte sich über keine Weiterbildungen und (oh Wunder) er rührte keinen Finger im Haushalt. Wie oft kam ich nach Hause und räumte zuerst einmal die Küche auf... Als ich ein Machtwort sprach, meinte er, er werde sich ab sofort mehr Mühe geben. Auf eine Entschuldigung habe ich mal wieder vergeblich gewartet.  Diese Situation hielt ganze 9 Monate an. 9 Monate lang war der Haushalt mehr schlecht als recht gemacht, gammelte er zu Hause rum und suchte nicht ansatzweise nach einem Job. Bis ich komplett ausrastete und ihm klar machte, dass das so nicht weitergehen könnte. Ich hielt ihm auch meine Excel-Liste unter die Nase, auf der eine stolze Summe stand, die er mir mittlerweile schuldete. Das weckte ihn wohl auf und er begann, sich einen Job zu suchen.  Er wurde auch relativ schnell fündig. Sein neuer Arbeitgeber war ein paar Dörfer weiter, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in einer halben Stunde erreichbar. Es wäre sogar mit dem Fahrrad machbar gewesen. Aber sein neuer Arbeitgeber hatte Schichtbetrieb. Die Frühschicht fing um 6 Uhr früh an, was mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht machbar war. Zum Fahrrad sagte Ashif von Anfang an nein, aus dem Grund, dass eine Schnellstrasse dazwischen liegt und er Angst davor hätte, bei Dunkelheit dort zu fahren. Ich kaufe ihm das bis heute nicht ab. Eher hatte er Angst davor, sich mal sportlich zu betätigen. Durch den extremen Alkoholkonsum hatte er im Laufe der Jahre locker 25-30 kg zugelegt und war mittlerweile so ausser Kondition, dass er das mit dem Fahrrad auf keinen Fall ohne zu Trainieren gepackt hätte. Ausserdem rauchte er wie ein Schlot.  Also gab es nur eine Möglichkeit: Wir mussten umziehen. Schon wieder. Also suchten wir eine neue Wohnung, die wir dann prompt 10 Gehminuten von seinem neuen Arbeitgeber entfernt fanden. Für mich spielte es keine allzu grosse Rolle vom Arbeitsweg her.  Die Wohnung war zwar teuer, aber sehr schön und gross. Ich verliebte mich sofort in die Marmorböden und die Loggia, die wir dann in eine Zocker- respektive Raucherhöhle umwandelten.  Nach ein paar weiteren Monaten nach dem neuerlichen Umzug hatte ich die Schnauze voll von meinem Arbeitgeber und kündigte meinen Job, nachdem ich ganz in der Nähe des neuen Wohnorts einen neuen Job fand. Der Arbeitsweg war kürzer und ich verdiente mehr. Ich war ganz zufrieden.  Leider war die Situation zu Hause alles andere als zufriedenstellend. Vor allem der Alkohol- und Zigarettenkonsum nahm bei uns beiden horrende Ausmasse an. Es kam sogar so weit, dass ich täglich bei über einer Zigarettenpackung lag, manchmal sogar fast zwei. Und dazu kam der Bierkonsum. Ich war nach Jahren von Whiskey auf Bier umgestiegen und leerte an einem durchschnittlichen Feierabend unter der Woche locker 1-2 Liter Bier. Manchmal sogar 3 Liter. Das Kotzen und der Kater am nächsten Morgen gehörten für mich schon zur Routine. Überflüssig zu sagen, dass wir uns kaum bewegten oder mal draussen waren. Eigentlich verbrachten wir jeden Abend und die kompletten Wochenenden in unserer Raucherhöhle und zockten online Kartenspiele gegeneinander. Es war ein Desaster und ich sprach ihn mehrere Male darauf an, dass wir unbedingt etwas ändern sollten. Ich wollte aufhören zu Rauchen und zu Trinken aber ich gab immer nach ein paar Tagen auf. Es ist aber auch schwierig gleich mit zwei Süchten aufzuhören, wenn dein Partner einfach wie gehabt weiterraucht und –trinkt und jedes Mal einen riesen Terz veranstaltet, wenn du ihm sagst, dass du heute mal nicht zocken wirst. Er wohnte quasi in der Loggia weil er nur dort innerhalb der Wohnung rauchen durfte. Also sollte ich doch bitte auch dort sitzen und ihm Gesellschaft leisten. Und so zogen sich weitere Monate hin. Bis eine kleine aber entscheidende Änderung in mein Leben trat. Die Änderung hiess Tom. 

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