Suche
  • Lilly

5. Teil: Das Single-Chaos

Fabio liess nichts anbrennen. Kaum war ich Single, fingen wir an uns zu verabreden. Aber da wir zusammenarbeiteten, machten wir das heimlich. Es ging sogar so weit, dass ich nach der Arbeit auf dem Parkplatz des nahegelegenen Supermarkts wartete und Fabio mich dort aufgabelte und mich zu sich nach Hause nahm. Dass das nicht ganz koscher sein konnte, fiel mir da noch nicht auf. Ich war einfach zu naiv und glücklich. Nach so langer sexloser Zeit mal wieder begehrt zu werden, mal wieder angefasst zu werden, war toll. Fabio war auch kein schlechter Liebhaber, überhaupt nicht. Wir hatten einige tolle Wochen zusammen. Allerdings immer heimlich und immer bei ihm zu Hause in Zürich. Ich habe teilweise ganze Wochenenden bei ihm verbracht und wenn er mir geschrieben hat, dass er zu Hause sei, bin ich sofort losgefahren.  Nach ein paar Wochen wurde im Büro eine grosse Sitzung einberufen. Kurz davor kam Fabio an meinen Arbeitsplatz und teilte mir im Flüsterton mit, dass die grosse Sitzung um ihn ginge. Er würde nach Deutschland auswandern. Zurück nach München.  WTF?!! Was sollte denn diese Scheisse auf einmal?! Da liess er mich wochenlang in Zürich antanzen wenn ihm grade nach einem Schäferstündchen war und hielt es nicht mal für nötig, mir so etwas Wichtiges irgendwann mal mitzuteilen? Erst im letzten Moment, bevor es sowieso alle erfahren würden?  Auf meine Frage, wann er denn gedenke zu gehen, antwortete er, dass er bereits im Oktober nicht mehr in der Schweiz sein würde. In meinem Kopf überschlug sich alles. Anfang September würde ich von Island zurückkommen und dann hätten wir noch knapp einen Monat, bevor er wegging. Andererseits war München ja nicht sooo weit weg. Wir konnten sicher auch versuchen, eine Fernbeziehung aufzubauen. Diese Vorstellung beruhigte mich etwas. Wir trafen uns nach wie vor und ich übernachtete am Vortag meiner Abreise nach Island bei ihm. Danach fuhr ich nach Hause, packte und fuhr mit Giulia zum Flughafen.  Island war.. Absolut genial! Giulia und ich hatten erst etwas Bammel davor. Wir waren zwar schon jahrelang befreundet und jahrelang auch beste Freundinnen, die alles voneinander wussten. Allerdings waren wir vorher noch nie zusammen im Urlaub. Und wir beide können ziemlich aufbrausend und starrköpfig sein. Aber sie war schon immer die Vernünftigere von uns beiden. Sie ist ja schliesslich auch 5 Jahre älter als ich.  Jedenfalls verbrachten wir den ersten Tag in Island eher zurückhaltend und sind wie auf rohen Eiern gelaufen, um die andere auch ja nicht irgendwie vor den Kopf zu stossen.  Das ging so, bis Giulia mich während der Autofahrt gefragt hat, ob wir kurz halten und Bilder von der Landschaft machen könnten. Mir ging gerade dasselbe durch den Kopf, also meinte ich grinsend, dass das eine super Idee wäre. Und prompt waren alle Reserviertheiten wie weggeblasen. Wir hatten eine tolle Zeit und jede von uns hat locker 3000 Bilder gemacht. Wir waren natürlich viel mit dem Auto unterwegs, haben die Landschaften genossen, Geysire betrachtet, sind Wandern gegangen und einmal hatten wir Lust uns zu betrinken und waren innert 20 Minuten völlig blau. Wir beide tranken zu dieser Zeit nur sehr wenig Alkohol. Deshalb mussten wir im Hotel auch nur ein paar Drinks bestellen und schon hatten wir ein Fest. Mitten in der Pampa. In einem Hotel, das aussah wie ein Container und wo Leute abstiegen, die Ruhe wollten. Upsi... Ich hab diese Nacht im Bad übernachtet, mit dem Kopf quasi in der Toilettenschüssel.  Wir haben auch Wale gesehen, haben eine Lava-Wanderung unternommen, sind in einen Gletschter gestiegen, waren reiten und haben eine Riverrafting-Tour unternommen. Es war eine echt gute Zeit und dafür, dass ich erst gerade meine Beziehung beendet hatte, war ich erstaunlich gut drauf.  Dass Giulia Single war, half natürlich. So hatten wir männertechnisch dasselbe Ziel: Spass zu haben!  Beim Riverrafting war eine Truppe junger Amerikaner so um die Anfang 20 dabei. Es war lustig und der eine hat mir während des Raftens allen Ernstes die Zunge in den Hals gesteckt. Ich fand das natürlich genial und war sofort dabei. Allerdings trennten sich unsere Wege nach dem Ausflug und meine Telefonnummer habe ich ausnahmsweise mal für mich behalten.  Natürlich habe ich nach wie vor mit Fabio getextet. Sobald wir jeweils im Hotel zurück waren und WLAN hatten, hingen wir beide im Whatsapp, Facebook und die neuste App: friendscout.ch  Das ist eine App um Leute kennenzulernen. Giulia war ganz verrückt danach und ich liess mich anstecken und habe mich ebenfalls angemeldet. Natürlich waren die meisten Typen totale Freaks, aber der eine oder andere war nett und es war lustig sich zu unterhalten.  Mit Fabio ging es mehr und mehr schleppend. Er beantwortete meine Nachrichten erst Stunden, teilweise sogar Tage später. Früher waren seine Antworten immer prompt und positiv. Jetzt war es irgendwie anders. Distanzierter, zögerlicher. Mir passte dieser Wandel überhaupt nicht, aber was sollte ich denn aus Island schon tun. Ich beschloss, eine Offensive zu wagen und ihm zu schreiben, dass ich gleich nach dem Urlaub vorbeikommen und ihm eine tolle Nacht schenken wollte. Seine Antwort war nicht unbedingt das, was ich erwartet hatte. Er schrieb, dass er wahrscheinlich nicht viel Zeit hätte, er müsse sich ja um seinen Umzug kümmern. Ausserdem solle ich doch jetzt erst mal meine neue Freiheit als Single geniessen und mich auf meinen Urlaub konzentrieren.  Ich war absolut fassungslos über diese Art von Antwort und war auf 180. Giulia hat mir geraten, ihn jetzt mal links liegen zu lassen und zu Hause mit ihm zu reden. Das habe ich auch so gut es ging versucht. Aber mit Ablehnung komme ich nur schwer klar und so habe ich ihm immer mal wieder geschrieben. Nur um Stunden später eintönige, nichtssagende Antworten erhalten.  NIchtsdestotrotz genoss ich meinen Urlaub tapfer weiter und dankte allen Göttern dafür, dass Giulia mit mir in Island war und niemand anderes. Auch der schönste Urlaub geht irgendwann zu Ende und Anfang September flogen wir zurück in die Schweiz. Mit sehr vielen sehr schönen Erinnerungen im Gepäck.  Eine Freundin von Giulia, Erika, holte uns vom Flughafen ab und brachte uns zu ihr nach Hause. Giulia wohnte zu dieser bei Erika und ihrem Mann. Giulia hatte gerade eine Scheidung hinter sich und wollte noch nicht alleine wohnen Erika und ihr Mann Fred waren so freundlich und boten ihr ein Zimmer bei sich an. Die beiden Eheleute waren zu dieser Zeit etwa um die 50, aber sehr junggeblieben und witzig. Ich verbrachte gerne Zeit mit ihnen.  Allerdings gab es da etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Wir fuhren vom Flughafen zu ihnen nach Hause. Dort warteten Fred und ein Freund von ihm auf uns. Sein Freund schien so.. Schmierig. Aber ich wollte höflich sein und hab mich nett mit ihm unterhalten.  Als der Abend später wurde, zauberte sein Freund plötzlich ein kleines Päckchen mit weissem Pulver zu Tage. Natürlich wusste ich sofort was das war: Kokain. Ich bin Jahre früher mal durch einen meiner kurzen Beziehungen damit in Berührung gekommen. Roberto, das war sein Name. Wir waren vielleicht 4 Monate zusammen. Und haben mehr gekokst als irgendwas sonst zu unternehmen. Es war eine einzige Katastrophe. Und als ich damals gemerkt hatte, dass ich anfing süchtig zu werden, habe ich sofort den Kontakt zu ihm abgebrochen. Da war ich ungefähr 17. Und jetzt sass ich dort. Und starrte auf dieses kleine verführerische Päckchen. Giulia war erst skeptisch, liess sich dann aber überreden. Wie Mr. Schleim das geschafft hatte, weiss ich nicht mehr. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, die sonst so geradlinige und korrekte Giulia vom rechten Weg abzubringen.  Ich habe erst vehement verneint und wollte nichts damit zu tun haben. Ich erklärte ihnen sogar wieso. Aber das interessierte keinen, weil sie alle schon geschnupft hatten und nicht mehr zugänglich für solche Dinge waren. Also sass ich alleine am Tisch und hab zugesehen, wie sich die anderen drei amüsierten. Sobald Runde zwei dran war, dachte ich ”scheiss drauf” und machte mit. Natürlich wurde es eine lange Nacht und natürlich hat keiner von uns wirklich geschlafen.  Ein Rausch hält ungefähr 20-30 Minuten an. Währenddessen werden deine Zähne taub (deshalb fangen manche an, sich den Kiefer zu verrenken oder mit den Zähnen zu klappern), dein Puls steigt an und du bist mit einer ungeheuerlichen Menge an Energie geladen. Du fängst an zu plappern. Man kann während eines Rausches unmöglich still sein. Und wenn die Wirkung nachlässt, ziehst du eben noch eine weitere Line. Was ist schon dabei? Tja, leider nichts allzu Gutes. Dazu später.  Ich liess mir eine kleine Menge Koks abpacken und nahm es mit nach Hause. Wie gut, dass Mr. Schleim so viel dabei hatte!  Mithilfe meiner neuen Energiequelle fing ich an, eine Wohnung zu suchen. Schliesslich hatte ich nur noch 4 Wochen Zeit, bis ich die alte abgeben musste. Und zusätzlich hatten Flo und ich ja schon den Vertrag für eine neue Wohnung unterschrieben, die ich ebenfalls noch loswerden musste. Für mich allein war die zu teuer. Aber das störte mich nicht im Geringsten. Ich fing an, das Koks jeden Tag zu schnupfen. Ich ging high zu Parties, ich verbrachte einige zugedröhnte Abende bei Giulia oder mir zu Hause, ja ich lernte sogar zugedröhnt.  Als mir etwa noch 2 Wochen bis zur Abgabe der Wohnung blieben, fing ich an zu suchen. Eine bezahlbare Wohnung inklusive Garage zu finden, die nicht allzu weit von Giulia und meinem Arbeitsplatz entfernt lag, war schliesslich nicht so einfach. Oder doch?  Fortuna war mir hold. Ich kriegte einen Besichtigungstermin an einem Samstagmorgen für eine 4.5 Zimmer Wohnung mit Garagenplatz. Zwar lag sie in der vierten Etage ohne Lift, aber das war mir egal. Ich ging am Vortag an eine Party und kam irgendwann morgens um halb 9 nach Hause. Natürlich war ich immer noch zugedröhnt. Ich fand es eine gute Idee, mich kurz umzuziehen und abzuschminken und ging direkt zur Wohnungsbesichtigung. Die alte Frau, die mir die Wohnung zeigte, war aus irgendeinem Grund total begeistert von mir. Obwohl ich nicht allzu freundlich oder aufmerksam war und meiner Meinung nach eher desinteressiert wirkte. Ich kriegte die Wohnung per Anfang Oktober und hatte ein Problem weniger auf dem Buckel. Blieb eigentlich nur noch die neue Wohnung, für die Flo und ich bereits unterschrieben hatten. Auch diese brachte ich noch los. Allerdings erst per Anfang November, weshalb ich Flo in die Pflicht nahm, die Hälfte der Miete für Oktober mit mir zusammen zu übernehmen. Er stimmte zu. Damit war die Wohnungssituation für mich erst mal erledigt.  Was noch nicht erledigt war, war die Situation mit Fabio. Er ging mir aus dem Weg, auf meine Nachrichten kamen nach wie vor einsilbige Antworten und treffen wollte er mich nicht mehr. Allerdings hat er mir das nie wirklich klar gesagt. Ich rannte ihm noch ein paar Wochen hinterher und versuchte, die Situation zu kitten. Aber er liess mich abblitzen. Was für ein Penner!  Ich war ziemlich wütend. Eines Abends, einer der letzten Abende in Flo’s und meiner alten gemeinsamen Wohnung, sass ich am PC und rief mal wieder meine Facebook-Seite auf. Aus irgendeinem Grund öffnete ich die Rubrik, wo die Nachrichten waren. Und zu meinem absoluten Erstaunen war da eine Nachricht von Leo. Er hatte mir noch am selben Tag nach dem Bodyflying geschrieben! Da wir aber nicht befreundet waren, wurde mir die Nachricht nicht angezeigt, sondern war etwas versteckt.  Ich konnte es kaum fassen. Der süsse Typ interessierte sich tatsächlich für mich! Und jetzt war ich ja Single. Und da Fabio offenbar kein Interesse mehr hatte, konnte ich ja mal schauen, was sich mit Leo entwickeln könnte.  Voller Zuversicht antwortete ich auf seine Nachricht und erklärte, wieso ich so lange nicht geantwortet hatte. Ich schrieb ihm auch meine Nummer in die Nachricht. Seine Antwort per Whatsapp kam sofort. Er freue sich, dass ich mich melde und er hätte sich schon gefragt, was schiefgelaufen war. Wir mussten beide über die Situation lachen. Allerdings rückte er dann mit einer weniger erfreulichen Nachricht raus. Dass er schon in zwei Tagen für ein Auslandspraktikum nach London fliegen würde! Dort würde er das nächste Jahr wohnen. Meine innerliche Reaktion: “Willst du mich eigentlich verdammt nochmal komplett verarschen?”  Konnte es eigentlich einen noch unpassenderen Zeitpunkt geben?! Hätte ich das vorher gewusst, hätten wir noch einige tolle Wochen verbringen können, die ich jetzt natürlich an Fabio verschwendet hatte. Aber ich liess mich nicht lange runterziehen. Ich fragte ihn, was er heute noch vorhätte. Seine Überraschung war echt. Ich sagte ihm, er solle doch heute noch vorbeikommen. Das tat er auch. Natürlich. Ich meine, welcher Mann sagt zu einer solch eindeutigen Einladung denn bitte nein?  Er hatte zum Glück über eine Stunde Anfahrtsweg. So hatte ich Zeit, meinen kompletten Körper zu enthaaren, etwas aufzuräumen und was Schickes anzuziehen.  Als er eintraf, haben wir erst ein bisschen geplaudert, was dann in einer Kissenschlacht endete, die wiederum im Bett endete. Ich war komplett geplättet. Er war der beste Liebhaber, den ich je hatte. Er war stark, einfühlsam, langsam. Einfach toll. Meine Laune wurde an diesem Abend nur etwas getrübt, weil ich wusste, dass er übermorgen schon weg sein würde. Das hielt mich aber nicht davon ab, den Abend in vollen Zügen zu geniessen.  Als er ging, fühlte ich mich rundum gut. Ich hatte ja so viel Glück! Um das zu feiern, gönnte ich mir eine Nase voll Koks.  Ein paar Wochen später sass ich alleine zu Hause und fühlte mich einsam. Giulia war mit einer Freundin in Berlin, Fabio war schon in München, Leo war in London und ich sass hier nur rum. Die Typen von Friendscout langweilten mich, aber ich wollte eine Verabredung! Also rief ich Nadim an. Nadim kannte ich noch von meinen Teenie Zeiten. Als ich noch mit Marco zusammen war, trafen wir Nadim im Thermalbad. Natürlich kamen wir damals nicht ins Gespräch. Nadim sprach mich einige Tage später im Zug an. Er konnte sich noch an mich erinnern, weil er sich lebhaft an meinen damals traumhaften, durchtrainierten Körper erinnerte. Du kannst dir ja denken, dass ich damals wie Wachs geschmolzen bin. Damals war ich aber noch keine Fremdgängerin und habe die Beziehung mit Nadim rein Freundschaftlich gehalten. Auch wenn er mehr gewollt hätte.  Im Oktober 2012 fand ich, dass diese Freundschaft nun lange genug nur Freundschaft gewesen war. Ich rief ihn an und frage, ob er Lust hätte, vorbeizukommen. Er meinte, er würde gerne, hätte aber nicht allzu viel Zeit. Das war mir egal. Er kam vorbei und keine 5 Minuten nachdem er in meiner Wohnung war, lagen wir auch schon im Bett. Er war so gut bestückt, dass keines meiner Kondome passen wollte. Und er hatte selbst keine dabei. Daher sagte ich ihm, wir sollten das Ganze lediglich auf Fummeln beschränken. Er war einverstanden, allerdings steckte er ihn ein paar Minuten später ohne Vorwarnung und blöde lachend rein. Ich fand das überhaupt nicht witzig und hab ihn ziemlich angeschrien. Das hielt mich aber nicht davon ab, weiterhin mit ihm rumzumachen.  Als er fertig war, zog er sich an und meinte, er müsste jetzt gehen. Er hätte mir ja gesagt, dass er nicht viel Zeit hätte. Ich tat cool und zuckte nur die Schultern.  Kaum war er gegangen, kriegte ich einen Heulkrampf. Giulia war nicht da, alle waren sie weg und ich war hier ganz alleine. Nadim anzurufen war ein Fehler gewesen. Ich fühlte mich extrem einsam und im Stich gelassen. Ausserdem auch gedemütigt. Ich fühlte mich wie eine Schlampe. Ok, ich war vielleicht schlampig unterwegs, aber ich sagte mir auch, dass ich einiges nachzuholen hätte.  Schliesslich hatte ich mit Flo nicht wirklich viel Sex und jetzt wo ich Single war, konnte ich tun und lassen was ich wollte. Aber wieso fühlte es sich nur so falsch und schmutzig an?  Ich beschloss, Pedro anzurufen. Er war seit langem in mich verschossen, aber ich wollte mit ihm wirklich nur Freundschaft. Um ehrlich zu sein, war er optisch einfach nicht mein Typ. Aber menschlich absolut klasse. Dass ich aber lieber doch etwas auf die Optik achten sollte, machte mir meine fehlgeschlagene Beziehung mit Florian klar.  Pedro und ich machten oft mal was gemeinsam. Wir hingen rum oder fuhren in der Gegend rum. Oder schauten einen Film. Zwanglos.  Er hatte aber seit kurzem seine Freundin im Urlaub in Calabrien kennengelernt. Sie war eigentlich Ukrainerin und nur für ein Praktikum in Italien. Sie kamen während seines Urlaubs zusammen und daher telefonierte er ziemlich oft mit ihr.  Ich rief ihn an und erzählte von meinem Seelenleid. Ich fragte, ob ich vorbeikommen könne. Er verneinte. Er müsse jetzt seine Freundin anrufen. Und die wäre eifersüchtig und dürfe nicht wissen, dass eine andere Frau bei ihm wäre. Ich meinte, ich könne nur still dasitzen, sie würde garantiert nichts bemerken. Er verneinte und legte auf.  Wow. Ich war am Boden zerstört und hab eine halbe Stunde geheult. Danach hab ich mich hingelegt und mich selber bemitleidet. Nicht mal Pedro wollte mit mir zusammen sein. Wieso denn auch? Ich hatte ihn stets freundlich aber bestimmt zurückgewiesen. Weshalb sollte er noch etwas von mir wollen? Aber wir waren doch Freunde? Offensichtlich nicht. Bis heute trage ich ihm diesen Abend nach. Wir hatten nach diesem Abend übrigens kaum mehr Kontakt. Wenn, dann haben wir uns eher zufällig getroffen. Oder hinter dem Rücken seiner Freundin. Sie ist wirklich sehr eifersüchtig und Pedro durfte mit keiner Frau mehr befreundet sein. Er war zu der Zeit Trainer einer Frauen-Hockeymannschaft. Das Hobby konnte er natürlich knicken. Und er brach den Kontakt zu allen weiblichen Freundinnen ab. Ich fand es ziemlich schäbig von ihm. Und dann heiratete er diesen Drachen auch noch! Klar, sie sah aus wie aus einem Katalog. Und klar, sie brauchte ein Visum, um in der Schweiz leben zu können. Aber deswegen zu heiraten? Wow. Ich beglückwünschte ihn im Stillen und legte diese Freundschaft ad acta. Das war einer der vielen Beweise, dass eine Frau-Mann-Freundschaft nur funktionierte, solange der Mann was von der Frau will. Und solange keine andere Frau in sein Leben funkt. Darum habe ich beschlossen, meinen Freundeskreis mehrheitlich aus Frauen aufzubauen. Ist zwar mehr Trouble aber dafür weniger Herzschmerz.  Naja meine tiefe Traurigkeit hielt noch ein paar Tage an. Bis Giulia wieder da war und ich ihr lang und breit erzählen konnte, wie unglaublich einsam ich mich gefühlt hatte. Ab da ging es wieder bergauf. Ich tat diesen einen Abend als Ausrutscher ab und machte weiter im Text. Und ich staunte nicht schlecht, als ich ein paar Tage später plötzlich eine Nachricht von Leo erhielt. Er wäre in London und müsse an mich denken und ob ich heute Abend Lust hätte, zu Skypen. Klar hatte ich das! Ich raste nach der Arbeit nach Hause und wartete ungeduldig auf den Anruf.  Wir unterhielten uns erst über sein Praktikum, dann über mein Studium, meine Arbeit und so weiter. Eher belanglose Gespräche. Und dann hatten wir natürlich “Skype-Sex”. Telefonsex mit Kamera. Rrrrr.. Und das hatten wir auch am Folgetag und am Tag darauf. Ich stellte mir schon vor, dass wir eine Fernbeziehung anfangen könnten. London war ja nicht allzu weit weg. Aber ich sprach diese Gefühle nie an, er zeigte sich zu undurchsichtig als dass ich so einen Versuch wagen würde. Wenn er nein sagen würde, wäre gleich alles kaputt und ich würde ihn nie wiedersehen wollen.  An einem Nachmittag im Herbst schrieb er mir, dass er zwei Tickets zu irgendeiner Veranstaltung in London hätte. Und er hätte sich gefragt, ob ich Lust hätte, am Wochenende zu ihm zu fliegen.  Ich gab mich cool. Innerlich schrie ich vor Glück und konnte es kaum fassen. Natürlich sagte ich zu und buchte noch am selben Abend einen extrem überteuerten Flug und ein noch überteuerteres Hotel in der Nähe vom Flughafen Heathrow für die Nacht vom Samstag auf den Sonntag. Er sagte mir, dass er am Samstag wieder zurück zu seinem Arbeitsort müsste, der doch ein Stück ausserhalb Londons läge. Das war ok für mich. Ich nahm mir fest vor, als unabhängige, starke Frau alleine dorthin zu fliegen und ihm den Kopf zu verdrehen.  Giulia wünschte mir alles Gute und war gespannt auf meinen Bericht. Ich flog zu ihm und wir trafen uns in einem Hotel, das er für Freitagnacht gebucht hatte. Wir trafen uns in der Lobby und ich küsste ihn wie selbstverständlich zur Begrüssung auf den Mund. Seine Reaktion war sehr zurückhaltend und ich glaube, er hatte so etwas überhaupt nicht erwartet. Das war schon mal ein ziemlich schlechter Start als starke unabhängige Frau. Wir gingen zusammen an die Veranstaltung (nachdem wir uns im Hotelzimmer richtig “begrüsst” hatten) und ich achtete darauf, dass ich Abstand zu ihm hielt. Ich wollte ja nicht leicht zu haben sein. Ärgerlicherweise, fand er das wohl gut, weil er machte weder Anstalten, meine Hand zu halten, noch sonst sich auf irgendeine Weise anzunähern. Im Hotelzimmer gingen wir sogar einfach schlafen?!  Am Samstag nach dem Frühstück fragte ich ihn, was er denn heute unternehmen wollte. Zu meinem absoluten Entsetzen antwortete er, dass er in Etwa noch zwei Stunden Zeit hätte und dann seinen Bus erwischen müsse. War das sein verdammter Ernst? Er wollte mich den restlichen Samstag und den ganzen Sonntag sitzen lassen? So hatte ich mir das aber nicht vorgestellt, als er sagte, er müsse am Samstag wieder zurück. Ich dachte, er meinte irgendwann Samstagabend oder in der Nacht. Oder dass er sich doch umentscheiden und bis Sonntag bei mir bleiben würde. Schliesslich war ich extra aus der Schweiz angereist. Aber nein, er machte Ernst. Und liess mich einfach stehen. Ich war rasend vor Wut. Und ich war extrem traurig. Und schon wieder hatte ich es vergeigt, indem ich einfach zu schnell klammerte. Wie bei Fabio. Oder Nadim. Und Leo? Sah er mich wirklich nur als One Night Stand? Anscheinend ja.  Ich versuchte mich mit ein bisschen Shopping abzulenken, nahm aber ziemlich bald den Zug zum Flughafen. Was sollte ich denn alleine in London? Ich war noch nie irgendwo alleine.  Am Flughafen angekommen fragte ich nach dem Weg zum Hotel. Man verwies mich auf einen Bus und sagte mir, an der 5. Haltestelle sollte ich aussteigen. Das tat ich auch. Aber ich war irgendwo in einem Wohnquartier gelandet. Kein Hotel weit und breit. Also fragte ich Passanten. Die konnten mir nicht helfen. Ich nahm mir ein Taxi und gab fast mein komplettes Geld aus. Er brachte mich zum Hotel. Als ich einchecken wollte, fanden sie meine Buchung nicht. Das durfte doch nicht wahr sein!  Lachend meinte der Typ an der Rezeption, dass ich im falschen Hotel wäre. Es gäbe noch ein zweites Hotel dieser Kette. Er zeigte mir den Weg auf einer Karte. Und meinte, ich sollte Bus soundso nehmen. Ich war verzweifelt und hoffte inständig, dass dieser Tipp mich nicht wieder irgendwo in die Pampa bringen würde. Ich hatte wirklich fast kein Bargeld mehr. Glücklicherweise fand ich das Hotel, checkte ein und verbrachte den Rest des Abends schlecht gelaunt in meinem Zimmer. Auf Facebook postete ich, dass ich in London sei und alleine reisen total Spass mache. Natürlich nur, damit Leo das sehen würde und zweifellos beeindruckt von mir wäre.  Zu Hause angekommen hörte ich tagelang nichts von diesem Idioten. Ich war so verzweifelt, dass ich sogar Flo um Hilfe bat. Wir verstanden uns eigentlich ziemlich gut und er fand meine Probleme amüsant. Er riet mir, Leo eine Whatsapp zu schicken. Darin sollte stehen, dass ich eigentlich nicht an einer Beziehung interessiert sei und ich hoffe, dass er das genau so sehe. Ich fand das total bescheuert. Florian meinte, falls Leo sich mehr vorstellen könnte, würde er versuchen mich umzustimmen. Oder wäre enttäuscht über meine Nachricht und ich könnte dann immer noch die Sache so drehen, dass wir uns doch langsam näherkommen.  Da ich sowieso nicht weiterwusste und das Gefühl hatte, eh schon alles ruiniert zu haben, schrieb ich Leo diese Nachricht. Er antwortete auch. Aber nicht das, was ich erwartet hatte. Er meinte, es ginge ihm genauso und er sei froh, dass ich das so sehe und dass wir ja trotzdem in Kontakt bleiben konnten. Was für eine gequirlte Scheisse!! Jetzt hatte ich es schwarz auf grün. Er lehnte mich ab. Was für ein Penner. Und für den habe ich so viel Geld aus dem Fenster geschmissen und bin nach London geflogen. Ok, um das Geld ging es mir nicht wirklich. Das heisst, doch eigentlich schon. Nur weil Geld mir nicht wirklich wichtig ist, gebe ich es nicht gerne umsonst aus. Und diese ganze London-Aktion war so was von umsonst gewesen! Dieser blöde Affe konnte mir gestohlen bleiben. Von jetzt an würde ich mich nicht mehr mit diesem Idioten abgeben und ihn komplett ignorieren. Nur leider gab es nichts zu ignorieren. Er schrieb mir jahrelang nie wieder, so einfach fiel es ihm. 

18 Ansichten
valid-rss-rogers.png