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  • Lilly

4. Teil: Der Geldregen und ich

Meine Beziehung mit Flo war ok aber nicht mehr annähernd so toll wie früher. Meine Affäre verfolgte mich trotz Florians Vergebung noch sehr lange. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb ich 2011 mein Geld für Flo mit beiden Händen ausgegeben habe. Geld hat für mich noch nie eine besonders grosse Rolle gespielt. Ich lege gerne was zur Seite, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Ich bin aber sonst ziemlich grosszügig und lade gerne meine Freunde zum Essen ein oder spendiere ein Upgrade bei Flügen oder was auch immer.

2011 kriegte ich einen Brief. Derselbe Brief ging an meinen Bruder. Unsere Grossmutter war gestorben und da keine anderen lebenden Verwandten mehr übrig waren, ging die Erbschaft an uns beide. Mit meiner Grossmutter hatte ich seit über 10 Jahren nicht mehr gesprochen, das letzte Mal als mein Vater noch gelebt hat. Eigentlich war sie nicht mal meine richtige Grossmutter. Mein Vater war adoptiert. Wer genau meine richtigen Grosseltern sind, werde ich nie erfahren.

Mein Vater ist bei seinen Adoptiveltern zu Hause gestorben. Gab sich aller Wahrscheinlichkeit eine Überdosis und sie fanden ihn tags darauf tot im Bett. Wie herzlos seine Adoptiveltern waren, stellte sich raus, als sie meine Mutter völlig emotionslos per Telefon mitteilten, dass mein Vater tot sei. Und weil sie meine Mutter nie mochten, verboten sie es ihr und uns Kindern an der Beerdigung teilzunehmen. Naja, ich war da grade mal 9 und mein Bruder war 5 Jahre alt. Es ist nicht so, dass man mit 9 Jahren nicht kapiert, was das da grade passiert. Ich wusste ganz genau, dass ich meinen Vater niemals wiedersehen würde und dass ich nicht mal Abschied nehmen darf. Aber ich musste mich halt damit abfinden (schon damals war ich gut darin, eine Situation halt einfach hinzunehmen wie sie war). Eventuell macht diese kleine Vorgeschichte verständlicher, weshalb weder mein Bruder noch ich besonders traurig über die Nachricht ihres Todes waren. Unser Grossvater war vor einigen Jahren schon von uns gegangen und das hatte man uns nicht mal mitgeteilt. Das konnten wir aus dem Brief über die Erbschaft schliessen.

Wie hoch diese ausfallen würde, stand nirgends. Ich wusste allerdings, dass meine Grosseltern immer genug Geld gehabt hatten. Aus meiner Kindheit kann ich mich gut erinnern, dass sie immer mal wieder neue Autos hatten. Einfach so. Sie hatten auch ein eigenes Haus inklusive riesigem Grundstück. Und adoptieren kann man auch nicht als armer Schlucker.

Auf jeden Fall habe ich den Notar kontaktiert und der hat mich und meinen Bruder zu sich beordert. In dem darauffolgenden Gespräch hat er uns offenbart, dass er unsere Grosseltern gut gekannt hatte und ein guter Freund von ihnen war. Wir sollten uns allerdings keine grossen Hoffnungen über Reichtum machen, da gäbe es nichts zu holen. Übersetzt: Ich stecke mit ihnen unter einer Decke und ihr Bälger habt hier nichts verloren.

Grosszügig wie er sei, könne er es aber nicht übers Herz bringen, uns leer ausgehen zu lassen, weshalb er uns jeweils 5000 Franken ausbezahlen würde. Schliesslich sei so eine Erbschaftssache nie lustig und auch eine teure Angelegenheit. Wir müssten lediglich hier und hier unterschreiben und könnten sofort mit dem Geld losziehen. Dass da was oberfaul war, ist ja klar und wir unterschrieben natürlich gar nichts.

Dann kam plötzlich auch noch ein Herr namens Adriano ins Spiel. Der Typ war so gegen Mitte Dreissig. Und war anscheinend ein weiterer Adoptivsohn meiner Grosseltern. Er behauptete, meine Grossmutter bis zum Ende ihres Lebens zu Hause gepflegt zu haben und daher stünde ihm alles zu.

Wir haben auch ein Vertrag zugeschickt bekommen, wonach meine Grossmutter ihm das Haus und das Grundstück geschenkt hat. Meine Güte, dass so was überhaupt einfach so geht???

Flo machte zu dieser Zeit eine Weiterbildung und hat seinem Dozenten für Recht davon erzählt. Dieser war zufälligerweise spezialisiert auf Erbrecht und hat uns daraufhin für eine gute Flasche Wein als Entschädigung vertreten.

Eine Bestandsaufnahme zeigte: Bargeld war keines da. Auch keine Fahrzeuge, Wertpapiere oder sonstiges. Einziger Anhaltspunkt war das Haus. In der Schweiz verjährt eine Schenkung nach 5 Jahren. Und meine Grossmutter ist 4 Jahre und 10 Monate nach der Schenkung verstorben. Mit anderen Worten: 2 Monate später, und wir wären komplett leer ausgegangen. So hatten wir aber den Wert des Hauses, den Adriano uns anteilig ausbezahlen musste. Ich fragte mich noch, wovon er das bezahlen soll. Er müsste doch das Haus verkaufen? Komischerweise überwies er ein paar Tage später jeweils 60’000 Franken an mich und meinen Bruder. Von dem Geld, was meiner Meinung nach auf irgendwelchen Offshore Konten oder einfach nur im Garten vergraben lag.

Aber ich wollte mal nicht so sein. Wenn seine Behauptung stimmte, hatte er sich jahrelang um meine Grossmutter gekümmert. Sollte er doch auf seinem Haufen Bargeld sitzen bleiben. 60’000 Franken ist eine Menge Geld. Vor allem für jemanden, der gerade mal Anfang 20 ist.

Und ich habe das Geld mit zwei Händen gleichzeitig ausgegeben. Erst mal habe ich Flo eine richtig teure Uhr geschenkt. Ich wusste, wie gerne er eine schöne Uhr hätte. Danach kam mir in den Sinn, dass er nach seiner Weiterbildung irgendwann mal im Büro arbeiten wollte. Also legte ich noch einen massgeschneiderten Anzug obendrauf. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, habe ich uns noch eine zweiwöchige Safari in Kenya über Weihnachten/Neujahr gebucht. Dass diese Safari mich fast mein Leben kosten würde, wusste ich natürlich nicht. Naja, diese Geschichte hebe ich mir für später auf.

Jedenfalls legte ich mit diesem Urlaub so was wie einen Grundstein für die kommenden Jahre, in denen ich Weihnachten nie mehr in der Schweiz, sondern immer irgendwo am Meer verbracht habe. Dann habe ich noch einen Teil an Giulia geliehen, damit sie einen teuren Bankkredit von ihrem Exmann abbezahlen und mir das Geld zinsfrei zurückzahlen konnte. Und ein Teil des Geldes habe ich für mein erstes eigenes Auto ausgegeben. Damit war mein Teil der Erbschaft fast verpufft. Und einen grossen Teil davon habe ich für Flo ausgegeben. Ich muss sagen, ich bereue absolut gar nichts. Ich habe ihm eine Freude bereitet und für all den Kummer, den ich mit meiner Affäre ausgelöst hatte, war dies das Mindeste, was ich tun konnte. Ausserdem gibt man geerbtes Geld leichter aus, als wenn man es selber verdient hat. Vor allem, wenn die Erbschaft von so herzlosen Menschen wie meinen Grosseltern stammt. Klingt vielleicht übertrieben hart, aber ich habe ihnen nie verziehen, dass sie mir die Teilnahme der Beerdigung meines eigenen Vaters verwehrt haben.

Hätte ich das Geld auch spenden können? Jap. Wieso habe ich es nicht getan: Weil ich Anfang 20 war und mein Leben lieber geniessen wollte.

Und somit wären wir im Zeitstrahl wieder Anfang 2012. Nach unserem Kenya-Urlaub hatte ich noch einen Monat zu arbeiten und dann wechselte ich zu meinem neuen Arbeitgeber.

Das lief alles soweit am Schnürchen und auch im Studium hatte ich keine grossartigen Probleme. Und wer kennt es nicht? Immer wenn alles so gut läuft, passiert irgendetwas.

Und natürlich ist mir ein Typ passiert. Fabio. Er war einer der Teamleiter bei meinem neuen Arbeitgeber. Anfangs habe ich ihn nicht mal beachtet. Halt nur geschäftlich. Aber dann kamen wir immer besser miteinander aus, haben während der Arbeit Chatnachrichten ausgetauscht, Nummern getauscht und schon war das Chaos wieder komplett. Ich war ständig abgelenkt, auch wenn ich zu Hause war. Wir schrieben oft bis in die Nachstunden hinein und die Tatsache, dass Flo nie mit mir zu Bett ging, spielte mir dann natürlich in die Hände.

Ja ich weiss. Ich habe absolut gar nichts aus meiner Affäre mit Dominik gelernt. Und ich wusste, dass Flo mir das auf keinen Fall ein zweites Mal verzeihen würde.

Im Nachhinein wäre es ihm gegenüber sicher fair gewesen, gleich Schluss zu machen. Aber so funktioniere ich nicht. Ich muss bereits die nächste Beziehung in Aussicht haben, bevor ich Schluss machen kann. Ansonsten würde ich ständig zurückdenken und mich fragen, ob das ein Fehler war. Ich weiss, das ist in höchstem Masse egoistisch und kein sehr netter Charakterzug von mir. Hinzu kam, dass wir auch schon den nächsten Urlaub geplant hatten. Im August 2012. Wir wollten nach Island fliegen und hatten alles bereits gebucht. Also versuchte ich, das mit Fabio so lange wie möglich auf nur freundschaftlicher Basis zu halten und mir nichts anmerken zu lassen. Schliesslich schrieben wir ja nur Whatsapp. Es war (noch) nichts passiert, wir hatten uns nie getroffen oder ähnliches.

Im Sommer 2012 machte unsere Firma einen grossen Ausflug nach Österreich. Fabio bettelte mich förmlich an, mitzukommen. Aber ich lehnte ab. Offiziell, weil ich fürs Studium lernen musste. Was auch stimmte. Inoffiziell hatte ich Angst, dass wir im Bett landen könnten.

Also blieb ich im Sommer zu Hause und lernte. Florian machte mir ein Vorgeburtstagliches Geschenk und lud mich zum Bodyflying ein. Da fliegt man in einem Windkanal. Also eigentlich ist der Luftstrom so stark, dass man in der Luft zu schweben scheint. Flo ging mit mir dahin, wollte aber selber nicht in den Windkanal, also nahm ich auch noch Giulia mit.

Dort angekommen gab es erst einmal ein kleines Einführungsvideo. Der Instruktor stellte sich vor und Giulia und ich hatten absolut denselben Gedanken: Der Typ sah einfach klasse aus. Und er war so sportlich. Und süss. Giulia war zu dieser Zeit Single. Mein Freund sass im Raum nebenan. Nach Adam Riese wäre der Typ etwas für sie gewesen. Aber mich interessierte das nicht und flirten kann man doch wohl noch, oder? Nach dem Bodyflying hat mich der Instruktor, Leo, gefragt, ob er mich auf Facebook anschreiben dürfe. Ich sagte ja und ging.

In der kommenden Woche prüfte ich jeden Tag meine Freundschaftsanfragen, aber nichts kam. Also legte ich diesen Fall ad acta und verbuchte es unter “es war schön aber auf Männer ist nach wie vor keinen Verlass”. Dass ich eigentlich diejenige war, die sich moralisch absolut verwerflich verhält, war mir zu dieser Zeit gar nicht wirklich bewusst. Oder es war mir egal. Ich glaube eher Letzteres.

Naja, zurück zum Sommer. Die Reise nach Island war gebucht, Fabio war in Österreich und Leo schrieb ja nicht auf Facebook. Ich sass zu Hause und habe gelernt. Und natürlich mit Fabio geschrieben. Er schrieb mir, dass er mich vermissen würde und es wäre viel toller, wenn ich auch dabei wäre. Das waren natürlich absolut die Worte, die ich hören wollte. Schlechtes Gewissen hin oder her.

Das ging noch ein paar Tage so. Bis an einem Samstagmorgen. Ich war früh wach und textete mit Fabio. Ich lag sogar noch im Bett neben Florian! Dass er wach sein könnte, kam mir nicht mal in den Sinn. Oder es war mir egal. Er war tatsächlich wach und frage mich, mit wem ich so früh schon schreiben würde. Ich wich aus. Und beschloss, doch vorsichtiger zu sein.

Flo war nicht dumm. Er durchschaute mich sofort. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass er diesem ganzen Schauspiel schon eine Weile schweigend zugesehen hat. Er stellte mich zur Rede. Was danach folgte, ist wieder mal irgendwo in meinem Superhirn vergraben. Ich habe auch diese Erinnerung gelöscht und kann mich nur noch ganz verschwommen erinnern.

Ich glaube er ist relativ ruhig geblieben und wir haben geredet. Irgendwann, ein paar Tage später, hatten wir beide genügend Zeit, um uns über die Situation klar zu werden und jeder überlegte sich, wie es weitergehen sollte. Wir kamen zum Schluss, dass wir die Beziehung beenden wollten. Völlig nüchtern. Ohne viel Geschrei oder Emotionen.

Dass wir den Vertrag für eine neue Wohnung (ja, wir wollten schon wieder umziehen) schon unterschrieben und unseren Island-Urlaub vor uns hatten, war uns zu dieser Zeit eigentlich egal. Die neue Wohnung hätten wir per Anfang Oktober beziehen sollen.

Flo zog mehr oder weniger sofort aus und suchte sich eine neue Bleibe. Die aktuelle gemeinsame Wohnung sowie die neue Wohnung per Oktober überliess er stillschweigend einfach mir. Ich denke, er fand, dass ich es verdiente mich um die Wohnungssituation selber zu kümmern. Naja, er hatte Recht aber einfach war es nicht. Aber die Situation überforderte mich zu dieser Zeit überhaupt nicht. Wieso denn auch? Ich hatte zwar gerade eine 5.5 Jahre dauernde Beziehung beendet. Aber mir stand die ganze Welt offen. Fabio war ja schliesslich ganz angetan von mir, wir könnten ja versuchen eine Beziehung in Gang zu bringen. Es war Sommer und der Urlaub in Island stand kurz bevor. Probleme sah ich überhaupt keine. Um die Wohnungssituation konnte ich mich auch noch Anfang September nach meinem Urlaub kümmern.

Bezüglich Island wollte Flo erst mit mir dahin. Weil er dachte, das wäre ein schöner Abschluss. Ich weigerte mich. Schliesslich hatte ich den Urlaub mit dem Rest meines geerbten Geldes bezahlt. Und ich wollte ihn nicht 2 Wochen permanent bei mir haben. Es war schliesslich eine Rundreise mit Mietwagen, wo wir uns quasi rund um die Uhr gesehen hätten.

Also rief ich Giulia an und frage sie, ob sie spontan 2 Wochen Urlaub kriegen könnte. Ihr Chef war nach einigem hin und her einverstanden und so schrieb ich die Reservationen auf ihren Namen um. Ich war so froh, dass sie mitkommen würde, dass ich ihr die Reise schenkte.

Jetzt lag die Welt wirklich zu meinen Füssen. Ich war jung, ich war Single, ich ging mit meiner besten Freundin (die ebenfalls Single war) in den Urlaub, ich hatte Fabio, der mich offenbar sehr mochte. Was sollte da denn bitteschön schief gehen?

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