Suche
  • Lilly

2. Teil: Die frühen Zwanziger - das waren noch Zeiten

Da war ich also. Ein Mädel von 17 Jahren, seit ein paar Monaten Single, in der Ausbildung, hockte da in diesem Sitzungszimmer und maulte innerlich rum, dass ausgerechnet ich diesem Projekt zugeteilt wurde. Und Florian habe ich zu der Zeit noch gar nicht richtig wahrgenommen. Wahrscheinlich, weil er ungefähr das Gegenteil von dem war, was ich optisch anziehend finde. Er war gross – ok. Aber blaue Augen, sehr spärliche blonde Haare, die eher auf eine äusserst frühzeitige Glatze hinwiesen und die Statur eines Bären. Eines trainierten Bären. Er boxte und sein halbes Leben bestand aus Training.

Naja, er war nett zu mir und auch ein bisschen schüchtern. Das wirkte irgendwie lustig. Er war immerhin gute 1.92m gross und wie gesagt, ein Bär. Ein schüchterner Bär. Wir haben uns unterhalten und uns wegen des Projekts getroffen. Öfter als das habe ich ihn ihm zu dieser Zeit gar nicht gesehen. Dann wurde aus rein geschäftlich so was wie Freundschaft und wir hingen oft zusammen ab, fuhren in der Gegend rum (er hatte schon den Führerschein und einen alten BMW – richtig coole Karre) oder redeten einfach. Keine Ahnung mehr, wie daraus mehr wurde aber das passiert ja meistens schleichend. Irgendwann haben wir uns geküsst und haben uns entschieden, die Freundschaft abzufackeln und daraus eine waschechte Beziehung zu machen.

Wir haben ab da fast jede freie Minute zusammen verbracht. Ich denke, ich fühlte mich bei ihm so wohl, weil er einen ausgeprägten Beschützerinstinkt hatte und ich das Objekt war, das er zu schützen versuchte. Es war abwechslungsweise mal schön, einfach jemanden zu haben, der hinter mir stand. Mich unterstützte und mir gut zuredete. Ich hatte bis dahin ja lediglich den nicht mit mir verträglichen Hausdrachen von Mutter. Das hat Florian natürlich auch mitgekriegt. Und er musste mich oft trösten und mein Seelenklempner spielen. Kurzum: Ich war sehr froh, dass ich ihn hatte und er für mich da war.

Das schlechte Verhältnis zu meiner Mutter löste in mir auch kurz nach meinem 18. Geburtstag eine Kurzschlussreaktion aus. Ich kam nach Hause, fragte nach Koffern und zog kurzerhand aus. Meine Mutter war komplett baff und wusste nicht, was sie sagen sollte. Keine Ahnung, ob sie froh darüber war, dass ich ging oder ob es sie traurig machte. Für mich war es, als ob mein Leben neu begänne.

Vorübergehend zog ich bei Flo ein, etwas später suchten wir uns eine eigene Wohnung. Viel Geld hatten wir natürlich nicht. Ich war immer noch in der Ausbildung und verdiente haarsträubend wenig. Er hatte seine Ausbildung zwischenzeitlich abgeschlossen, aber was man in der Schweiz gleich nach der Ausbildung verdient, ist nicht gerade viel. Es sei denn, du arbeitest bei einer Grossbank oder in der Pharmaindustrie. War beides nicht der Fall bei ihm. Immerhin arbeitete er im Schichtbetrieb, was einige zusätzliche Franken in die Kasse spülte, jedoch relativ schwierig zu handhaben war, da er meist nach Hause kam, wenn ich morgens aufgestanden bin.

Unsere Wohnung war klein aber fein. In einem Block mit mindestens 16 Parteien, überwiegend Ausländer, mit diesem feinen Mischmasch von Gerüchen zur Essenszeit. Das Essen der Inder neben uns hat sich geruchstechnisch regelmässig mit dem Essen der marokkanischen Familie gegenüber gekloppt. Und das Highlight: Das Badezimmer. Es hatte ein Minifenster, das man kippen konnte und das zum Innenhof führte. Der war für nichts gut und auch nicht begehbar. Es war nur ein Hohlraum im Block, der dazu da war, dass sämtliche Badezimmerfenster in diese Richtung geöffnet wurden. Sprich: Wollte man lüften, kam mehr Gestank rein aus raus ging. Der Bahnübergang direkt vor dem Haus war auch eine Perle. Aber ich war mehr als glücklich. Ich war weg von der Drachenlady, konnte endlich mein eigenes Leben führen und hatte Flo, der sich rührend um mich kümmerte.

Damals hatten wir die perfekte Beziehung. Auch wenn ich wusste, dass er optisch nicht meinem Typ entsprach, mochte ich seinen Charakter und seine ruhige Art sehr. Er war das Gegenstück zu meiner impulsiven, aufbrausenden Art.

Tja, so ging das weiter, bis ich meine Ausbildung 2007 fertig hatte. Ich wurde von meinem Lehrbetrieb übernommen und verdiente von heute auf morgen fast zehnmal so viel wie vorher. Es war Zeit für eine neue Wohnung. Eine bessere Wohnung.

Die fanden wir in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Das war zwar etwas abgelegen und in einem Kaff und mehr oder weniger das Nachbardorf meiner Eltern, aber die Wohnung war toll. Maisonette, nur zwei Parteien lebten dort, es gab einen grossen Garten mit Apfelbäumen und die Bushaltestelle lag direkt ums Eck. Für uns war das eine Villa. Heute würde ich dieses Ding komplettsanieren bevor ich einziehen würde. Aber für damals hat’s mehr als gereicht.

Dort lebten wir ein oder zwei Jahre. Wir machten Urlaub, wir machten Ausflüge, wir hatten eine gute Zeit. Allerdings habe ich dort schon langsam angefangen zu begreifen, dass diese Beziehung nicht bis zum Ende meines Lebens dauern würde. Ich muss gefordert werden und gewisse Dinge sind mir wichtig. Dazu gehört nun mal Sex. Natürlich bin ich auch kein Unschuldslamm in dieser Hinsicht. Ich will zwar Sex haben, aber auch nur dann, wenn ich grade will. Und diesen Zeitpunkt abzupassen ist keine leichte Aufgabe für meinen Partner. Zumal ich nicht mal in diesem einen Augenblick sicher bin, ob er ran darf. Kommt nämlich ganz drauf an, wie er es angeht. Klingt völlig absurd, ich weiss. Aber das war in meinen frühen Zwanzigern sehr ausgeprägt. Nicht, dass es Flo gestört hätte. Er hat sich öfter mit sich selber vergnügt als mit mir. Er kam nämlich nie zusammen mit mir ins Bett, sondern ist immer bis tief in die Nacht aufgeblieben an seinem PC. Mehr als einmal bin ich aufgewacht, ging in sein Büro und habe ihn dabei erwischt. Das ist so abartig, vor allem wenn man noch im Halbschlaf ist.

Tja, spätestens als er aufhörte mit mir zusammen einzuschlafen hätte es mir dämmern müssen. Trotz allem kuschle ich doch für mein Leben gern. Aber ich habe mir mal wieder selbst was vorgelogen.

Und da habe ich auch zum ersten Mal bemerkt, dass ich durchaus das Potential habe, eine Fremdgängerin zu sein. Keine meiner Glanzstunden, diese Geschichte. Aber ich will sie nicht verheimlichen.

Auf Arbeit fing unser neuer Lehrling an. Dominik. Kein sehr gut aussehender Typ, eher schlaksig und schüchtern und so … so... jung. Aber wir haben uns gut verstanden, die Mittagspausen zusammen verbracht und haben uns im firmeninternen Chat unterhalten.

Allerdings wurde daraus schnell mehr. Erst haben wir nur aus Witz darüber geschrieben, dann wurde es doch etwas ernster, dann haben wir uns mal auf einer Parkbank getroffen und plötzlich steckte ich in einer bösen Krise. Ich wusste, dass das überhaupt keine gute Idee war. Dominik war eine halbe Portion, wahrscheinlich kaum schwerer als ich und Flo war noch bäriger als jemals zuvor. Dafür hatten wir ja ein Fitnessraum zu Hause eingerichtet. Was, wenn Flo sich entschloss, Dominik einfach mal eben zu Brei zu schlagen?

Naja, und meine Gefühlswelt war ein richtiges Chaos. Ich wusste, dass das niemals gut gehen würde. Dass es ans Licht kommen würde. Dass Dominik nur ein Intermezzo sein und ich Flo verlieren würde. Aber aus irgendeinem Grund war mir das komplett egal. Fucks given: 0. Ich zog es durch und verabredete mich mit Dominik bei ihm zu Hause. Ich nahm sogar wahllos ein paar Schulbücher mit, weil wir seinen Eltern weismachten, dass ich ihm Nachhilfe geben würde. Meine Güte.

Schon bevor wir losgelegt haben, merkte ich, dass das ein Riesenfehler werden würde. Er war.. Sagen wir, nicht allzu gut bestückt und auch nicht sehr geschickt im Umgang. Ehrlich gesagt weiss ich nicht mal, ob er vorher überhaupt jemals Sex hatte.

Es war schnell vorbei und anschliessend war ich so.. So leer. Auf dem Nachhauseweg kam mir in den Sinn, dass das überhaupt kein guter Zeitpunkt zum Fremdgehen war. Flo und ich hatten nämlich ein paar Monate zuvor unsere Wohnung gekündigt und eine neue (natürlich schönere) Wohnung gefunden. Etwas näher an meinem Arbeitsort. Und bis zum Umzug waren es nur noch wenige Wochen. Was würde passieren, wenn Flo es herausfand?

Also entschloss ich, dass er es einfach nicht rauszufinden brauchte. Ganz einfach. Dominik und ich hatten ja immer drauf geachtet, dass wir nicht zusammen gesehen werden. Ausserhalb des Arbeitsplatzes. Aber so einfach war es dann doch nicht. Dass wir uns ungewöhnlich gut verstanden war jedem klar. Und es gab sogar schon Gerüchte. Die ich so gut wie möglich zu ignorieren versuchte. Und ich habe natürlich Dominik mächtig unter Druck gesetzt, das alles ja für sich zu behalten.

Ein paar Tage danach bekam ich eine Chatnachricht von irgendeinem Typen, der in einer anderen Abteilung arbeitete und Dominik von der Schule her kannte. Er deutete an, dass er wüsste, was zwischen mir und Dominik gewesen sei. Aber er blieb vage genug, damit ich nicht wusste, ob er bluffte oder nicht. Als habe ich natürlich Dominik angeblafft und er stritt vehement ab, irgendwas ausgeplaudert zu haben. Aber ich bin mir bis heute ziemlich sicher, dass er es jemandem erzählt hat. Wieso auch nicht? Er war ja in dieser Geschichte der grosse Held. Hat eine Ältere abgeschleppt, die kann sogar schon Auto fahren. Sie ist zwar in einer Beziehung aber macht es das nicht spannender? Die klammert dann nicht, sondern lässt dich in Ruhe.

Zu dieser Zeit war ich natürlich ausser mir und richtig wütend. Ich habe Dominik von da an quasi aus meinem Leben verbannt. Ich hatte ein extrem schlechtes Gewissen, habe das in Wut verwandelt und an Dominik ausgelassen. Armer Kerl.

Flo gegenüber erwähnte ich einige Wochen überhaupt nichts. Ich machte so weiter, als wäre nichts geschehen. Wir sind in die neue Wohnung gezogen, haben uns eingerichtet und alles war toll. Aber das Gewissen plagte mich. Damals ging mir ein Licht auf. Ich würde nie jemals mit einem Mord davonkommen, mein Gewissen würde mich zerfleischen bis ich mich selber gestellt hätte.

Nein im Ernst jetzt. Ich war echt fertig und ich wusste, dass ich selber schuld war. Ich vertraute mich Giulia an. Giulia habe ich ebenfalls bei meinem damaligen Arbeitgeber kennengelernt. Sie wurde schnell meine beste Freundin und ist es heute noch. Zu ihr komme ich später noch ausführlicher.

Giulia war natürlich im ersten Moment total schockiert. Niemals würde sie so etwas tun! Vor allem zu dieser Zeit war sie sehr … ähm sagen wir mal überkorrekt. Sie hat sich aber schnell von ihrem Schock erholt und ist in eine lehrerhafte Haltung geschlüpft und hat mir noch zusätzlich ins Gewissen geredet. Als ob mein Gewissen das nicht selber hervorragend übernommen hätte.

Also beschloss ich reinen Tisch mit Flo zu machen. Ich ging nach Hause, hab mich in der Wohnung auf die Treppe gesetzt und ihm alles gebeichtet. Er wurde kreidebleich und ging ohne ein Wort zu sagen weg. Die darauffolgenden Stunden waren die unruhigsten Stunden meines Lebens. Ich konnte mich auf absolut gar nichts konzentrieren. Meine Hände zitterten, mein Herz schlug viel zu schnell und ich hatte einen richtiggehenden Heulkrampf. Und ich war ja selber schuld an meiner Situation! Bis da dachte ich eigentlich, dass Flo und ich sowieso nicht füreinander bestimmt wären. Aber in diesen Stunden der Ungewissheit hätte ich alles gegeben, wenn wir nur wieder zusammen und alles so wie vorher wäre. Schon komisch, dass man meist erst schätzt was man hat, wenn man es verliert.

Naja, irgendwann ist Flo nach Hause gekommen. Wir haben viel geredet und geweint und ich kam mir ziemlich schäbig vor. Es brauchte zwar eine Weile, aber er meinte, wir sollten es noch einmal versuchen. Nichts lieber als das! Ich war wieder glücklich und hoffte, dass ich meine Lektion gelernt hatte. Wir lebten unser Leben also weiter und alles war wieder (mehr oder weniger) wie vorher. Ich muss schon sagen, dafür dass ich mich wie das Allerletzte benommen habe, hat Flo das unglaublich grosszügig weggesteckt. Ich wüsste nicht, ob ich das auch könnte. Natürlich stand diese Geschichte ab dann immer zwischen uns, aber wir haben sie versucht zu vergessen. So gut es eben ging.

13 Ansichten
valid-rss-rogers.png