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  • Lilly

1. Teil: Die gute alte Teenie-Zeit

Hach, kennen wir sie nicht alle? Die erste grosse Liebe. Man ist noch jung und hat überhaupt keine Erfahrung in diesen Dingen. Man stürzt sich Hals über Kopf in dieses unbekannte und sehr aufregende Gefühl des Verliebt-Seins. Man will keine Sekunde mehr ohne den anderen verbringen. Und dann platzt der Traum plötzlich wie eine grosse Seifenblase und hinterlässt die erste von (meist) vielen Narben in unserem Herzen. Jaja, wer kennt es nicht.  Ich war grade mal 15, als ich mich zum ersten Mal richtig verliebt habe. Rückblickend finde ich heute, dass das die schönste Zeit meines Lebens war. Es war aber auch harte Arbeit dahin zu kommen.  Das war um die Jahrtausenwende. Handys gab es zwar, sie waren allerdings sauteuer und mehr Prestige-Objekt als tatsächlich nützlich. Wer ganz viel Geld ausgab, hatte sogar einen Farbdisplay. Man stelle sich das mal vor!  Für mich ein Ding der Unmöglichkeit, wuchs ich doch in relativ bescheidenen Verhältnissen auf. Das war wohl auch der Grund, weshalb ich es lange Zeit nicht wirklich leicht hatte. Meine Mutter sparte nämlich gerne an Klamotten. Und was sie mir kaufte war meist... Ähm sagen wir mal nicht altersgerecht. Es ging sogar so weit, dass sie mich in der Schule Pyjama nannten (das war wegen einem T-shirt, das tatsächlich was von einem Pyjama hatte). Oder der Klassiker: Leoparden-Müllsack. Dieser schmeichelnde Kosename war auf die erlesene Jacke zurückzuführen, die meine Mom äusserst schick fand. Schwarze Lack-Optik gesäumt mit falschem Leoparden-gemusterten Fell an Ärmeln und Kragen. Und das ist kein Witz. Ich habe es gehasst. Aber nicht nur meine Klamotten machten mir das Leben schwer. Ich hatte Augenbrauen worauf Männer aus dem türkischen Gebirge neidisch wären. Quasi eine dicke fette dunkelbraune Schnellstrasse mitten in meinem Gesicht. Nicht zu vergessen das fette Muttermal, das sich direkt oberhalb meines Mundwinkels befindet und das gut und gerne mal 4-5 fette, lange, schwarze Haare beherbergte.  Und weil das noch nicht genug war, musste ich auch noch seit meinem zwölften Lebensjahr Brille tragen. Aber anstatt mir ein normales Modell auszusuchen, habe ich mir tatsächlich eine dunkelrosafarbene Brille aufgesetzt. In sechseckiger Form. Das einzige, was noch fehlte war eine Zahnspange. Mit meinen Zähnen hatte ich nie Probleme. Ansonsten war ich der Inbegriff eines Losers. Zu dieser Zeit kamen auch die Harry Potter Bücher raus (ja so alt bin ich schon). Und weil ich eine Oberstreberin und ein extremer Bücherwurm war, kam zu all den Klamotten-Kosenamen ziemlich bald auch der Name Harry Potter hinzu. Weil ich die Bücher sogar während dem Nachhauseweg von der Bushaltestelle zu meinem Haus gelesen hab. Einmal bin ich sogar fast in ein parkendes Auto gelaufen.  Noch einmal. Ich übertreibe nicht. So war ich tatsächlich. Und wie erwartet, war ich nicht unbedingt das beliebteste Mädchen an der Schule. Die anderen Mädchen haben mich ausgelacht und die Jungs sind mir in einem grossen Bogen aus dem Weg gegangen. Ich hatte nur 2 Freundinnen und ich hatte teils das Gefühl, dass ich selbst für die eine Last war, weil ich zu dieser Zeit unglaublich kindisch war. Und sie waren da schon reifer.  Alles in Allem eine einzige Katastrophe. Aber durch meine Streberhaftigkeit habe ich immer gute Noten geschrieben und musste mir schultechnisch nie Sorgen machen. Aber ich muss ja nicht erwähnen, dass ich oft einsam war und oft geheult habe, weil niemand in der Schule mich mag.  Meine Güte, wenn ich heute zurück denke scheint das fast wie aus einem anderen Leben zu sein. Aber ich kann mich noch sehr gut an den Schmerz erinnern. Und das Alleinsein. Und daran, wie meine Mutter, die Drachenlady, mich ständig gemassregelt hat, nie zufrieden war und es sich zur Aufgabe gemacht hat, jeden Schritt von mir zu bemängeln. Nicht, dass sie mir jemals zugehört hätte oder sich versucht hat, in meine Lage zu versetzen. Sie hatte schliesslich mit meinem kleinen von ADS geplagten Bruder viel zu tun. 

So, nun die Frage aller Fragen: Wann wurde es besser und wieso?  Wann, weiss ich noch so ungefähr. Das war etwa Anfang 2003. Wieso war klar. Es kam ein neues Mädchen an unsere Schule. Missy. Sie war... der Inbegriff der Coolness. Extrem hübsch, schon sehr reif für ihr Alter, ist Motorroller gefahren, hat geraucht und gekifft und war bei Mädchen und Jungs äusserst beliebt. Und sie freundete sich mit MIR an. Wir sind in der Freizeit oft im Pool gewesen (wir hatten damals einen Pool, der für die ganze Siedlung verfügbar war), waren am Waldrand kiffen und rauchen und haben uns über Gott und die Welt unterhalten. Es war einfach toll. Endlich haben die Leute auch mal von mir Notiz genommen, wenn ich mit ihr unterwegs war. Sie musste sich allerdings hinter meinem Rücken oft die Frage anhören, was sie denn genau an mir findet. Ich sei doch so komisch und zurückgeblieben. Hat sie mir mal gesagt, das hat mir ganz schön zugesetzt. Aber Missy war das egal. Ich glaube im Nachhinein, dass ich für sie so was wie ein Projekt gewesen bin. Es ging nämlich nicht lange, da hat sie mir angefangen Tipps zu geben. Neue Kleider zu kaufen (sie konnte gut reden, SIE hatte ja auch keine Geldsorgen und ist immer in den neusten Sneakers, Miss Sixty Jeans und allgemein Markenklamotten rumgelaufen), meine Beine zu rasieren, mir eine neue Frisur zu verpassen, meine Brauen zu zupfen und ganz wichtig: Die Haare auf meinem Muttermal rauszureissen.  Eigentlich alles Punkte, auf die ich selber hätte kommen können, aber meine Eltern fanden, dass man sich so natürlich wie möglich geben sollte und naja. Ich dachte halt, das wäre auch richtig so. Haha was für eine bescheuerte Idee.  Noch bescheuerter allerdings war die Idee, dass ich mir meine Augenbrauen selber zupfen wollte. Erstens hatte ich keine Pinzette und war in dieser Zeit so dermassen überfordert, dasss ich auch überhaupt keine Ahnung hatte, woher ich eine Pinzette kriegen sollte. Und zweitens muss ich ja wohl nicht mehr nennen. Ich war absolut ungeeignet, mir meine Brauen zu zupfen. Darum zupfte ich sie nicht. Ich RASIERTE sie so gut es ging in Form. Weil ich keine Pinzette hatte. Wie das rausgekommen ist, muss ich hier nicht sehr breit ausführen. Ich sah aus wie ein Idiot. Und durch das Rasieren wuchsen die Brauen innert wenigen Tagen sofort wieder nach.  Mit der Zeit dachte ich, ich hätte den Dreh raus. Und dann hab’ ich auch noch eine Pinzette gefunden. Ok, sie war eigentlich für das Entfernen der Zecken unseres Hundes gedacht. Aber das war mir eigentlich ziemlich egal.  Naja anyways. Ich konnte meine Mutter dazu überreden, mir neue Klamotten zu kaufen. Und weil ich die vergangenen Jahre zu kompensieren hatte, habe ich eventuell etwas überkompensiert. Ich hatte ja nie eine schlechte Figur. Im Gegenteil, ich war durch das viele Radfahren (16 km am Tag im Sommer. Im Winter musste ich mit dem Bus fahren) die absolute Sportskanone. Und zu meinem neuen Image als sehr cooles Mädel dachte ich, müsste ich mich anziehen wie die grösste Strassenschlampe. Miniröcke, bauchfreie Tops (die mein brandneues Bauchnabelpiercing zeigten – Missy hatte ja auch eins...), tiefe Ausschnitte. Die Wirkung setzte selbstverständlich sofort ein. Schliesslich war unsere Schule voll von pubertären Jungs, die nur zu gerne gafften und sabberten. Und ich weiss noch, wie das ganze mehr oder weniger von einem Tag auf den nächsten geschah. Und plötzlich war ich beliebt! Die Jungs beachteten mich, die Mädchen ignorierten mich nicht mehr und ich konnte sogar entspannt auf das anstehende Ferienlager im Tessin blicken. Es war absolut toll. Und dann kam Marco. Naja er war eigentlich schon immer da, seit 3 Jahren gingen wir sogar in dieselbe Klasse. Und plötzlich interessierte er sich für mich.. Er war einer dieser süssen Skater-Boys, mit langen gelockten Haaren, grösser als ich und mit den schönsten braunen Reh-Augen. Wir haben angefangen, uns zu schreiben. Natürlich hatte ich erst noch kein Handy. Wieso denn auch?? Aber nach langem Mimimi bei meiner Mutter meinte sie, dass ich eins haben könnte. Für den Notfall. Falls was auf dem Schulweg passiert. Naiv wie ich war habe ich allen Ernstes eines dieser total angesagten Sony Ericssons erwartet. Möglicherweise ja sogar mit Farbdisplay? Hahaha weit gefehlt. Ich hab ein uraltes Panasonic gekriegt. Das Teil hatte sogar eine Antenne zum Telefonieren, kann man sich das vorstellen? Man erschiesse mich bitte.  Ich bin damit aber sehr erwachsen umgegangen, indem ich das Handy in meinem Zimmer versteckt und peinlich genau darauf geachtet habe, dass absolut niemand von meinen Freunden diesen Knochen entdeckt.  Ok zurück zu Marco. Wir haben Nummern ausgetauscht und auch unter der Woche bis in die frühen Morgenstunden getextet. Aber auch nur, wenn ich das Handy aus der Küche in mein Zimmer schmuggeln konnte. Eigentlich durfte ich es nicht über Nacht in meinem Zimmer haben.  In der Schule sind wir uns mehrheitlich aus dem Weg gegangen. Keine Ahnung wieso aber beim Schreiben waren wir offener und näher als “live”. Naja wie es halt so ging, verliebte ich mich in ihn und eines freitags kam er sogar zu mir nach Hause. Dort haben wir uns das erste Mal geküsst und waren danach offiziell zusammen.  Ich war nie glücklicher. Und bin es auch nie mehr gewesen. Klingt deprimierend aber der Sommer 2003 war meine absolute Bestzeit. Ich bin geschwebt, nicht gelaufen. Und dann kam natürlich das nächste Highlight. Unser erstes Mal. Wenn ich meine Freundinnen nach ihrem ersten Mal frage, kommt von den Meisten die Antwort, dass es schmerzhaft, unromantisch und sehr schnell vorbei war. Wenn man die pragmatische Weise, wie Marco und ich das angegangen sind in Betracht zieht, ist es umso erstaunlicher, dass mein erstes Mal wirklich toll war. Mit Kerzenlicht in meinem Himmelbett und sogar in Reiterstellung.  Wir hatten nie wirklich darüber gesprochen aber beide wussten, dass wir miteinander schlafen wollten. Und da die Drachenlady mich erst erhängt und dann geköpft hätte, wäre ich schwanger nach Hause gekommen, habe ich mir lieber einen Vorrat Kondome angelegt. Nur zum sichergehen. Die mit Erdbeergeschmack. Aber es wollte nie wirklich klappen. Marco war sich Kondome natürlich nicht gewohnt und deshalb gab es ein paar Mal etwas Frustpotential bei ihm. Und an einen Versuch erinnere ich mich noch ganz deutlich, weil es so ziemlich das Unromantischste überhaupt war. Wir waren während der Mittagspause zu ihm nach Hause gefahren, haben was gefooded (Slang von damals, ach du Scheisse..) und sind ohne gross darüber zu sprechen ins Bett, wo wir Versuch Nummer 379 durchgeführt haben. Keine grossen Küsse oder Streicheleien. Nein, einfach Gummi drüber und versucht reinzustecken. Zum Glück hat es nicht geklappt. Sonst wäre mein erstes Mal für immer während der Mittagspause zwischen Mathe und Englischunterricht gewesen.  Nein, wir hatten das erste Mal ein paar Tage später. An einem Freitagabend bei mir zu Hause. Und es war schön und hat überhaupt nicht weh getan. Ich dachte erst, dass mich alle anderen Mädchen nur verarscht haben und mir Angst machen wollten. Aber sowohl Missy als auch meine damals beste Freundin Nata haben mir gesagt, dass es normalerweise wirklich weh tut. Also wieder was, wo ich mich glücklich schätzen konnte.  Marco und ich blieben 1.5 Jahre zusammen. Wir haben zusammen unseren Schulabschluss gemacht und dann jeweils im Berufsleben angefangen. Ich im kaufmännischen Bereich und er als Automatiker. Ich weiss bis heute nicht genau, was er genau gemacht hat. Irgendwas mit löten und diesen grünen Computerplattendingern.  Anyways. Jetzt kommt eine Zeit, an die ich mich nur noch verschwommen erinnern kann. Eingangs hatte ich ja erwähnt, dass mein Hirn unliebsame Erinnerungen einfach löschen kann. Und wer hoch fliegt, der fällt auch tief. Sehr tief.  Während der Lehre haben wir versucht, uns so oft wie möglich zu sehen. Wir haben beide in derselben Stadt gearbeitet und uns teils auch zum Mittagessen getroffen. Und dann ist irgendwas passiert, worüber ich heute nur noch spekulieren kann. Ich weiss tatsächlich nicht, weshalb wir uns trennten. Ok seien wir ehrlich. Weshalb ER sich trennte. Es war im Februar 2005. Und da war Karneval-Zeit. Und da war ich auch an meiner ersten Party überhaupt. Ich war mit Nata dort und hab mich prächtig amüsiert. Freunde von ihm waren auch dort und ich hab’ sie natürlich gesehen. Aber mir nichts weiter dabei gedacht als ich mit sämtlichen Jungs tanzte, die ich irgendwie für süss erachtete. Dass ich dort immer noch extrem viel Haut zeigte ist unnötig zu erwähnen.  Naja ich vermute, dass seine Freunde mich gesehen haben, ihre Schlüsse zogen und ihm weiss Gott was erzählt haben. Zu meiner Verteidigung: ich hatte wirklich nur Spass und überhaupt keine Hintergedanken. Marco hat darauf mit mir Schluss gemacht. Ich weiss nicht mal mehr, wie. Persönlich, per SMS (Whatsapp gabs dort noch gar nicht), per Telefon? Könnte Telefon gewesen sein. Ich war absolut und hundertprozentig am Boden zerstört. Ein Wrack. Ich konnte nicht mehr aufhören zu heulen, fast ein halbes Jahr lang. Und eigentlich sollte ich mich auf die Ausbildung konzentrieren. Meine Eltern waren erstaunlicherweise ziemlich geduldig und haben mich so gut es ging in Ruhe gelassen. Die Drachenlady war auch ziemlich sauer auf Marco. Ich vermute aber, das hatte nichts mit meinem Wohlergehen zu tun, sondern eher damit, dass ich sie mit meinen schlechten Launen dauernd runtergezogen und genervt habe.  So schlecht wie damals habe ich mich nie wieder gefühlt. Nicht mal als mein Vater gestorben ist, hatte ich ein so grosses Loch in mir, das ich unmöglich füllen könnte. Ich war am Boden zerstört und hatte sogar Suizidgedanken. Ich habe sogar 2-3 Versüche gewagt, die zum Glück fehlgeschlagen sind. Von einem der Versuche habe ich heute noch eine Narbe am Arm. Als Erinnerung an eine sehr dunkle Zeit voller idiotischer Gedanken. Kurzum, es war eine Katastrophe.  Natürlich sind wir uns aus dem Weg gegangen, aber da wir beide am selben Ort gearbeitet haben, sind wir uns zwangsläufig teils über den Weg gelaufen. Und zum Glück war ich ja so reif. Nicht, dass ich, als ich ihn einmal von weitem gesehen habe, mich hinter einem fetten Mann versteckt habe und weggerannt bin, als Marco näherkam.   Dazu kam, dass meine Eltern ein Haus bauten. Irgendwo in der Pampa. Wir mussten also mein mir vertrautes Umfeld verlassen und sind weggezogen. Weg von Missy. Weg von Nata. Weg von dem Pool und dem Waldrand mit der Kifferbank. Weg von all den schönen aber schmerzhaften Erinnerungen. Und da ich jetzt in der Ausbildung war, wechselte natürlich auch mein Umfeld. Nata und Missy gehörten der Vergangenheit an. Und seien wir ehrlich. Aus den Augen, aus dem Sinn ist nicht einfach ein Spruch. Früher oder später vergisst man einander. Und schreibt sich höchstens noch zum Geburtstag. Wenn überhaupt.  In der Ausbildung habe ich mich mit Simi angefreundet, einer quirligen Italienerin die ein gutes Herz besass und mit der ich jeden Mist machen konnte. Wir haben uns nach der Schule und nach der Arbeit regelmässig getroffen, haben über Gott und die Welt gequatscht, sind Red Bull trinkend irgendwo am Bahnhof rumgegammelt oder haben uns gegenseitig die Haare gefärbt.  Sie stellte mich auch ihrem Umfeld vor. Alles Jungs. Fand ich natürlich super. Die haben sich auch alle mächtig ins Zeug gelegt, um bei mir zu landen. Aber bis auf einen hab ich keinen an mich rangelassen. Also körperlich. Und der eine durfte auch nur ein bisschen fummeln.  Nichtsdestotrotz habe ich die Aufmerksamkeit und mein neues Leben natürlich genossen. Meine Noten litten natürlich darunter aber das war mir egal.  So ging das weiter und zu Hause wurde es immer schlimmer. Die Drachenlady ist mit ihren spitzen Bemerkungen wirklich zu weit gegangen und hat mich drangsaliert, wo sie nur konnte. Nach einem anstrengenden Arbeits- oder Schultag war ich keine 2 Minuten zu Hause als sie mir beispielsweise den Staubsauger in die Hand gedrückt und mir aufgebrummt hat, das ganze Haus zu saugen. Meine Reaktionen à la “spinnst du eigentlich?” kamen nicht sehr gut an und so haben wir uns täglich in die Wolle gekriegt. Es war echt schlimm. Und sie konnte nie alleine mit mir diskutieren. Nein, wenn wir angefangen haben uns zu streiten holte sie immer meinen Stiefvater dazu. Damit dann zwei Erwachsene auf einem Teenager rumhacken können. Das waren echt keine lustigen Jahre. Ich habe heute teilweise noch Alpträume, wo ich von meinen Eltern runtergemacht und angeschrien werde und ich bin absolut machtlos dagegen.  Aber zu dieser Zeit war es für mich normal so. Ich war schon immer gut darin, eine Situation einfach als unveränderlich hinzunehmen und mich damit abzufinden. Dass ich das nicht muss, kam mir damals nicht einmal ansatzweise in den Sinn.  Das änderte sich, als ich Florian kennenlernte. Er war beim selben Betrieb angestellt wie ich, war ebenfalls in der Ausbildung und wurde zufälligerweise vom Betrieb ausgewählt, an einem Projekt zu arbeiten, dem ich ebenfalls zugeteilt war. So lernten wir uns in einem Sitzungszimmer kennen. Und obwohl ich es damals noch nicht wusste, war das der Anfang eines ganz neuen Lebensabschnittes.  Natürlich ist das eine sehr kurze und grobe Zusammenfassung meiner jungen Jahre von damals. Aber das war das Wesentliche und noch wichtiger – das, woran ich mich mit meinem Superhirn noch mehr oder weniger klar erinnere.  Und warum erzähle ich das alles? Gegenfrage: Warum nicht? Vielleicht gib es das eine oder andere Mädel, das heute im selben Alter ist wie ich zu dieser Zeit und etwas ähnliches durchmacht. Erst diese ganzen Mobbereien, dann ist man plötzlich beliebt und fliegt immer höher. Nur um dann direkt in die Hölle zu fallen. Aber. Es gibt einen Lichtblick, liebe junge Mädels. Ihr werdet älter, ihr werdet vielleicht umziehen, einen neuen Job anfangen, eine neue Schule besuchen, studieren. Dort lernt ihr neue Leute kennen und könnt dem alten Leben entweder tschüss sagen oder einfach nur noch mit den Leuten von früher zusammen sein, die euch wirklich wichtig sind.  Es ist nicht immer einfach und vor allem nicht immer spassig. Das weiss ich am allerbesten. Aber selbst die beschissenste Zeit hat doch was Gutes. Man weiss, dass man am Boden ist und der einzige Weg nach oben führt. Also, man hofft es zumindest. Und man hat eine wertvolle Erfahrung fürs Leben gewonnen. Auch wenn man in diesem Moment liebend gerne drauf verzichten würde.  Was war meine Erkenntnis aus dieser Zeit und aus der ersten Liebe? Hmmm.. Dass man nichts als selbstverständlich erachten sollte und sich alles selber erarbeiten muss. Ok, so würde ich es heute vielleicht ausdrücken, wenn ich grade meine 5 Erwachsenen-Minuten habe.  Damals sagte ich mir “Auf gar keinen ist Verlass. Allen voran die Männer. Ich bin besser ohne dran, die können mich alle mal kreuzweise. Und jetzt da ich cool bin, kann ich mir eine solche Einstellung auch leisten. Wo ist mein Red Bull?”  Tja, ich glaube das war die Geburtsstunde von meinem Egoismus. Ich bin wirklich teils sehr egoistisch veranlagt und habe selten das Bedürfnis, mich wirklich um andere zu kümmern. Wieso sollte ich auch? Die Menschen haben ja auch einen grossen Bogen um mich gemacht, bevor ich cool wurde. Und cool wurde ich, weil ich mein Äusseres verändert habe. Ganz wichtiger Punkt. Ist man nicht schön, wird man weniger akzeptiert. Echt krass eigentlich. Und in dieser Zeit der ähm sagen wir mal Selbstfindung hat man, glaube ich, schon genug Stress mit allem anderen. Da kann man sich nicht auch noch Gedanken über die Dicke seiner Augenbrauen machen!  Ich glaube, wenn man sich in der Pubertät befindet, alles einfach nur schrecklich ist und man nicht weiss was mit sich anzufangen, gibt es nur einen richtigen Trost. Freunde! Und vor allem die beste Freundin. Nichts kann sie ersetzen. Wir haben zusammen gesungen, getanzt, uns geschminkt, die Bravo gelesen (OMG, gibt’s das heute noch?!), gelacht, geweint und uns unsere Geheimnisse anvertraut. Nata und ich waren unzertrennlich. Natürlich bis ich umgezogen bin. Danach brach unser Kontakt irgendwann ab. Aber auch an anderen Orten gibt es Leute, die sich gut mit einem verstehen. Solange man offen für diese Personen ist. Ich denke, das ist der beste Tipp, den ich für diese Situation geben kann. Alleine das Ganze durchzustehen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und wer ein solches Prachtexemplar von Mutter wie ich vorzuweisen hat, weiss, dass man mit seinen Problemen garantiert nicht zu seinen Eltern geht. Freunde fangen dich auch auf, wenn du, sagen wir mal, das Alkoholversteck deiner Eltern findest, dich zum ersten Mal betrinkst und dir fast eine Alkoholvergiftung zuziehst. Wenn du dann auch noch torkelnd und rumpöbelnd durchs Quartier läufst, dann bist du am nächsten Tag umso dankbarer dafür, dass deine beste Freundin dich aufgegabelt, unter die kalte Dusche und ins Bett gesteckt hat. Freunde hören dir auch zu, wenn du dich elend fühlst oder Bäume ausreissen könntest. Und sie geben dir (meist gute) Ratschläge, welche du selbstverständlich nicht befolgen wirst, dich selber in eine unmögliche Situation manövrierst und dann die Augen bei besagten Freunden ausheulst. Aber natürlich sagen sie dir nicht, dass sie es dir ja gesagt haben. Nicht, wenn sie gute Freunde sind. Gute Freunde müssen so was nicht erst sagen – ihr Blick allein genügt und du weisst, dass sie sagen wollen, dass sie es dir ja gesagt haben.. Im besten Fall bleiben dir diese Freunde ein ganzes Leben erhalten. Im häufigeren Fall lebt ihr euch irgendwann auseinander. Das ist ok und normal. Solange du dann nicht alleine und heulend zu Hause rumhockst und dich fragst, warum keiner dich mag. Das ist tendenziell immer eine schlechte Idee.  Und auch eine schlechte Idee sind die falschen Leute um dich rum. Einfach dass das mal gesagt ist. Auch ich hatte Erfahrungen mit falschen Freunden. Das hätte so richtig in die Hose gehen können, wenn ich nicht früh genug erkannt hätte, dass das nirgendwohin führt. Einer der besagten Freunde verhalf mir nämlich zu Koks, was, das muss ich nicht explizit sagen, in einem Megadesaster hätte enden können.  Ich denke, sobald Drogen ins Spiel kommen muss man extrem auf der Hut sein. Mal am Wochenende trinken und feiern, Zigaretten rauchen oder ab und zu mal einen Joint schadet nicht. Solange es sich in Grenzen hält. Man merkt eigentlich ziemlich schnell, wenn man von etwas abhängig wird. Und dann kommt der gefährliche Teil. Man fängt an es schönzureden und erfindet sich selbst gegenüber Ausreden. Oder der Gruppenzwang lässt einen nicht einfach “nein” sagen. Völliger Bullshit. Aber verständlich. Ich war mehr als einmal im Leben an einem Punkt, wo ich mich fragte, wie zur Hölle es so weit hatte kommen können. Dann ist Selbstdisziplin und eine gewisse Ration “Zero Fucks Given” gefragt. Und Freunde, die dir dann im Weg stehen, dir was aufschwatzen wollen oder dich sogar auslachen weil du etwas ändern willst, solltest du ziemlich schnell vergessen. Ich habe mehrere Freunde und sogar meinen eigenen Vater an Drogen verloren. Daher bin ich wohl etwas empfindlicher eingestellt als andere und merke (wenn ich mir selber gegenüber ehrlich bin) schnell, wenn eine Situation ausser Kontrolle gerät. Es zu merken und etwas dagegen zu tun sind aber zwei paar Schuhe. Das wurde mir Jahre später schmerzlich bewusst. Das ist aber eine andere Geschichte und zu dieser komme ich später. 

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